Mißbrauch der Aufmerksamkeit


So ist es die ehrliche Aufmerksamkeit, durch welche wir denken. Und durch Erregung der Aufmerksamkeit wird von Forschern und Richtern die Welt gelenkt, von Rednern die Menge beeinflußt. Dafür nur ein einziges Beispiel. Die Epitheta ornantia werden in der Poesie, in der Redekunst und im alltäglichen Gespräche unaufhörlich gebraucht, ohne logisch untergebracht werden zu können. Sagt z. B. ein Volksredner "die reichen Fabrikanten", so fügt er gewöhnlich im Zusammenhange seiner Darstellung dem Worte "Fabrikanten" nur ein Epitheton ornans hinzu. In seinem Sinne und im Sinne seiner Zuhörer wird der Begriff Fabrikant durch das Eigenschaftswort "reich" nicht im mindesten eingeschränkt. Der Redner will nicht aus der Klasse der Fabrikanten eine Unterklasse der reichen Fabrikanten herausheben. In seinem Sinne und im Sinne seiner Zuhörer ist: Fabrikant = reicher Fabrikant. Aber die Aufmerksamkeit der Zuhörer wird so stark auf das scheinbar wertlose Eigenschaftswort gelenkt, daß ihnen die Gleichung "Fabrikant = reicher Fabrikant" für die Dauer der Rede und lange nachher nicht als Hypothese, sondern als vollständiger Induktionsschluß erscheint. Dieser Mißbrauch der Aufmerksamkeitserregung hat manches Schlimme und viel Gutes in der Welt gestiftet. Ich wollte ihn nicht sittlich tadeln, sondern nur auf die psychologische Tatsache hinweisen, daß auch in solchen Fällen es unsere Aufmerksamkeit ist, was in uns denkt, was bei richtigen und falschen Tautologien oft unkontrollierbar den Ausschlag gibt.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005