Wahnsinn


Denken oder Sprechen ist für uns die Übung oder Fähigkeit, die Zeichen für Bewegungserinnerungen der Vorstellungen zu verbinden; und je nachdem man das Wort "Erinnerung" als einen einzelnen Akt oder als die ganze Anlage nehmen will, ist also Denken entweder die Summe der Erinnerungszeichen oder die Erinnerung selbst.

Wenn dem so ist, so müßte eine gesunde Erinnerung immer ein gesundes Denken zur Folge haben; Denken müßte — um gelehrter zu reden — eine Funktion des Gedächtnisses sein, Wahnsinn eine Gedächtniskrankheit.

Wir wollen die große Gruppe der Sprachkrankheiten, welche einerseits ohne Frage Gedächtniskrankheiten, anderseits wohl ebenso gewiß Gehirn- oder Denkkrankheiten sind, vielleicht in anderem Zusammenhang betrachten. Hier wollen wir nur diejenigen Zustände vornehmen, welche mit dem Wahnsinn das gemeinsam haben, daß das Gedächtnis aufhört, ohne daß eine Sprachkrankheit auffallen würde.

Die stärkste Form dieses Zustandes dürfte wohl der Tod sein, nach ihm die Ohnmacht. Es schwindet das Gehirngedächtnis, zugleich auch das unbewußte Gedächtnis der Nervenbahnen, es schwindet später sogar das — ich möchte es so nennen — chemische Gedächtnis. Der Körper zerfällt in seine einfacheren Elemente. Kurz ausgedrückt im Sinne meiner Lehre: Das Ich hört auf, weil das Ich nur das Gedächtnis war und das Gedächtnis vernichtet ist.

Man beachte übrigens, daß ich das Denken nur mit dem Gehirngedächtnisse gleichsetze; das Gedächtnis der übrigen Nervenbahnen ist das übrige Leben. Atmen, Verdauen, Blutkreislauf u.s.w. ist eben auch nur Gedächtnis, das Gedächtnis begrenzter Organe. Aber die vegetativen Gedächtnisse kommen nicht zum Bewußtsein, bringen es nicht zur Ich-Täuschung; die Gedächtnisse der Pflanze, des Kristalls noch weniger. Darum können Herz, Magen, Lunge, darum können Pflanzen und Kristalle nicht wahnsinnig werden. Nicht im menschlichen Sinne wahnsinnig; man müßte denn den Begriff metaphorisch erweitern, so daß Krankheiten und Monstrositäten als Wahnsinnsakte erschienen. Und noch eins beachte man. Die Frage hätte im Mittelalter etwa so gefaßt werden müssen: Wo war die Seele eines Ertrunkenen, der nur durch künstliche Atmung wieder zum Leben erweckt worden ist, in der Zwischenzeit? Moderne Menschen hätten fragen müssen: Ist der Körper in der Zwischenzeit lebendig oder tot? Ich kann darauf antworten: Tod ist ein rein negativer Begriff. Der Ertrunkene hat jedes Gedächtnis verloren gehabt. Die künstliche Atmung hat das Gedächtnis der großen Nervengruppe wieder geweckt. von welcher die Atmung ressortiert. Dann hat der Eintritt von Sauerstoff in die Lunge das Gedächtnis der anderen Blutkreislaufnerven angeregt und so weiter, bis auch das Gehirngedächtnis wieder erwachte und der Ertrunkene die ersten Worte sprach.


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