Genie und Nachahmung


Ich kann ein Bild in allen Einzelheiten recht gut im Gedächtnis behalten und die Linien einer Zeichnung halbwegs nachmachen. Ich glaube bestimmt, daß ich eine halbwegs annehmbare Zeichnung oder auch ein Bildchen zu stände brächte, wenn ich es gelernt hätte. In der Phantasie nun kann ich mir aus verschiedenen Vorstellungserinnerungen scheinbar ein neues Bild zusammenstellen. Ich kann z. B. mein Fenster und die Nelken davor sehen und mir als Hintergrund dazu eine Schweizerlandschaft oder das Rheintal denken. Aber ein Kunstwerk schaffen könnte ich auf diese Weise niemals, weil sich die verschiedenen Vorstellungserinnerungen bei mir wohl kreuzen und kombinieren können, nicht aber zu einem neuen Ganzen verbinden, das lebensfähig wäre. Ein solches Bild wäre abgeschrieben, auch wenn es noch niemals vorher gemalt gewesen wäre.

In ähnlicher Weise entstehen unzählige Romane und Novellen, deren Verfasser, kleine und große Talente, gar nicht wissen, daß sie abschreiben. Sie können eine ganz neue Handlung und ganz neue Figuren bringen und dennoch ihre Erinnerungen aus Büchern und dem Leben unverändert wiedergegeben haben.

In der Musik, wo ich mich vollständig unbegabt weiß, ist meine Erinnerungsfähigkeit noch geringer und meine Selbstbeobachtung noch deutlicher. Den Zusammenklang von Stimmen oder Instrumenten kann ich höchstens wiedererkennen. Vorstellen kann ich mir den einfachsten Akkord nicht. Nur in den seltensten Fällen habe ich eine solche Gesamterinnerung. Ich habe einmal in unvergeßlicher Stunde ein Lied singen hören, welches das Wort Mai auf den Ton d lang aushält, während die Klavierbegleitung das Motiv dchad bringt. Versuche ich nun die Erinnerung an jene Stunde wach zu rufen, indem ich das Lied vor mich hinsumme. so stelle ich mir deutlich zu dem langgezogenen d die Töne dchad vor. Für mich ist also schon der einfache Musikkenner, der sich eine ihm wohlbekannte Sonate auch vorstellen kann, ein Rätsel; ein echter Musiker aber, dem eine wirklich neue Melodie mit ihrer wirklich neuen Begleitung einfällt, ist mir ein Genie, ein unheimliches Wesen, und ich stehe vor einer Symphonie von Beethoven — die ich wohl zu genießen, aber nicht vorzustellen vermag — genau wie vor der Natur, der Schöpfung aus dem Nichts, der gedächtnisfreien Tat.

In der Malerei würde mir der Mann, der die Gestalt des Kentaurs erfand, ebenso etwas sein wie ein Genie oder ein Wahnsinniger, weil die verschiedenen Erinnerungen zu einem neuen lebensfähigen Ganzen verbunden sind. (Die albernen Angriffe Dubois-Reymonds auf die Anatomie des Kentaurs sind ganz kunstfremd.)

In der Poesie, wo ich selbst mancherlei Romane und Novellen spielend geschaffen, zur Not geformt und manche nur aus Not auf den Markt gebracht habe, glaube ich natürlich nicht gern, daß ich nur einer von den Abschreibern (in meinem Sinne) bin. Es wird aber doch wohl so sein. Ich bin gegen andere so oft hart gewesen, daß ich gegen mich selbst lieber ungerecht als nachsichtig sein will. Ganz gewiß gehören zu den Abschreibern die allerjüngsten Genies, die Virtuosen des Naturalismus, die doch zum Dogma gemacht haben. was das Gegenteil des Genies ist: die Vorstellungen ihres Gedächtnisses unverändert wiederzugeben. In diesem Sinne ist Zola ein Abschreiber; wo er sich romantisch aufspielt, da ist er ein Abschreiber im schlimmeren Sinne. Gerhart Hauptmann ist in seinen prächtigen Webern ein Abschreiber: sein kleines "Hannele" ist vielleicht ein Zeichen von Genie.

Ein Genie ist Goethe durch und durch, erst recht, wenn wir ihn darauf prüfen, ob er die Vorstellungen seines Gedächtnisses in seinen Dichtungen unverändert wiedergibt oder nicht. Jede seiner großen Gestalten ist ein lebendiger Kentaur. Dichtung und Wahrheit wird bei ihm ein Ganzes, Phantasie und Erinnerung zeugen bei ihm zusammen Lebendiges. Die Sagenheldin und die geliebte Frau v. Stein werden eine lebendige Iphigenie, der Sagenheld und der junge Goethe verbinden sich zu einem lebendigen Faust, sein Freund Merck, der Teufel und wieder der junge Goethe wachsen zu einem lebendigen Mephisto zusammen.

Und es ist wohl zu beachten, daß die seltene Fähigkeit, Erinnerungen organisch geändert zu behalten, bei einem Genie vom Range Goethes eine doppelte ist. Getrennte Erinnerungen verbinden sich fruchtbar, wie bei der Zeugung durch verschiedene Geschlechter, aber auch einfache Erinnerungen teilen sich fruchtbar, wie bei der Zeugung durch Teilung. Goethe vermag den jungen Goethe zu zerspalten, ohne ihn zu töten, ihn in Weißlingen und Goetz, in Faust und Mephisto, in Clavigo und Carlos auseinander zu legen.

Ist nun das Genie eines Menschen nichts weiter als die seltene Gehirneigenschaft, durch welche Erinnerungen selbständig wuchern, gewissermaßen Neubildungen erzeugen, — was der gewöhnliche Kopf niemals vermag — so ist die Ähnlichkeit mit dem Wahnsinn endlich faßbar, wenn ich auch mein Gehirn oder meinen Sprachschatz umsonst zermartere, um nun den Unterschied besser als durch Worte anzugeben.

Wer in seiner Vorstellung die Erinnerung an den Oberkörper eines Menschen und die an einen Pferdeleib so verbindet, in künstlerischem Sinne organisch verbindet, daß ein lebendiger Kentaur leibhaftig vor uns steht, der ist entweder ein Genie oder ein Wahnsinniger. Nun könnte man es so ausdrücken, daß bei dem Wahnsinnigen die Neubildung krankhaft ist, wie ein Krebs, und das Gedächtnis überwuchert, daß also bei dem Wahnsinnigen die veränderte Erinnerung die wirkliche für immer verdrängt, daß dagegen beim Genie die Neubildung vom übrigen Gedächtnis beherrscht wird, daß sie wohl wie eine schöne Orchidee schmarotzerhaft lebt, aber den Stamm nicht umbringt, daß also beim Genie das gemeine Gedächtnis ungestört weiter arbeitet.

Da für uns jedoch das Gedächtnis eins ist mit dem Bewußtsein oder dem Ich, so ließe sich meine neue Behauptung mit den banalsten Worten sagen, die dann freilich einen neuen Sinn erhalten müßten. Beim Genie ist das Bewußtsein durch fixe Ideen oder fixe Stimmungen gesteigert, beim Wahnsinnigen überwuchert und unterdrückt.

Geht man also vom guten Gedächtnis des Alltagsmenschen als dem Zustande der sogenannten Gesundheit aus, so leidet der Wahnsinnige an krankhaften Neubildungen des Gedächtnisses, das Genie aber leidet (eine Krankheit wird man es schon nennen müssen) an den Wucherungen seines Reichtums, seiner Überfülle.

Der Sprung vom Genie zum Wahnsinn ist eben darum nicht selten. Die gewohnte Wucherung des Reichtums muß krankhaft werden, wenn der Reichtum aus irgend einem Grunde schwindet. In dieser Gefahr schwebt jedes Genie, besonders aber das philosophische Genie. Denn vom Poeten oder Künstler verlangt kein Mensch, daß er auch in Alltagsstunden Orchideen blühen lassen solle. Das philosophische Genie aber, dessen Wesen darin besteht, sein und der Menschen Gedächtnis oder seinen Sprachschatz organisch neu zu zeugen, das philosophische Genie muß sich auch in Alltagsstunden bemühen, die neu gewonnene Weltanschauung wenigstens festzuhalten, die neue Sprache seiner eigenen Feststunden in den Alltagsstunden wenigstens zu verstehen. Das philosophische Genie muß sich selbst über die Achsel sehen können beim Denken, muß sich ein Übergedächtnis, eine Übersprache anschaffen, es muß die Neubildung zu seinem Alltagsorgan machen. Das muß ein fester Kopf sein, der dies aushält.

 

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