Aufmerksamkeit und Wille


So müssen die Erinnerungsbilder in unserem Gehirn ebenfalls Wirklichkeiten sein, wenn auch noch so schwache Wirklichkeiten. Die dort angenommenen Molekularveränderungen oder Tendenzen oder "Dispositionen" zu Molekularveränderungen, d. h. aufgespeicherte Kräfte, welche durch irgend eine Erregung der Aufmerksamkeit die Molekularveränderungen erzeugen, müssen ebenso wirklich sein, wie es die sogenannten Ätherschwingungen sind, die von der Spiegelfläche ausgehen. Es kann nun nicht anders sein: wie wir körperliche Arbeit leisten müssen, um ein Gesichtsbildchen in der geeigneten Schärfe auf den Fleck des deutlichsten Sehens zu bringen, so müssen irgendwelche Nerven, vielleicht auch die vasomotorischen Nerven, im Gehirn die Molekularveränderungen jedesmal hervorrufen, durch welche Erinnerungsbilder, sodann allgemeinere Vorstellungen und schließlich die Muskelgefühle erzeugt werden, ohne welche auch die abstraktesten Worte oder Begriffe nicht zu stände kommen können. Und die Empfindung dieser Arbeit nennen wir aufmerksames Denken. Man sieht, es müßte die Aufmerksamkeit als ein personifiziertes Seelenvermögen göttlich wirksam gedacht werden, wenn zwischen aufmerksamem Wahrnehmen und aufmerksamem Denken unterschieden werden soll. Und der Wille gar ist nur eine subjektive Begleiterscheinung. Überschreitet die Anstrengung die Schwelle des Bewußtseins, so nennt man das willkürliche Aufmerksamkeit. Überschreitet die Anstrengung das Maß der Kraft, so glaubt man und sagt, der Wille sei nicht stark genug gewesen. Aber weder die Ermüdung des ausgestreckten Arms, der ein Gewicht hält, noch die Ermüdung der Aufmerksamkeit sollte uns veranlassen, einen personifizierten Willen als selbständigen Aufseher der Arbeit anzunehmen. Ribot, der das Maximum der unwillkürlichen Aufmerksamkeit dem Maximum der gewollten Aufmerksamkeit als Gegensatz gegenüberstellt, steht zu sehr unter dem Banne der Worte. Er möchte die Entwicklung der willkürlichen Aufmerksamkeit, wie sie am Kinde beobachtet worden ist, so erklären, daß die unwillkürliche Aufmerksamkeit durch ein natürliches Interesse hervorgerufen wird, daß man die Kinder zu der bewußten Aufmerksamkeit erzieht, indem man den Dingen ein künstliches Interesse gibt. Er unterscheidet drei Perioden in dieser Erziehung: das künstliche Interesse soll zunächst durch Aussicht auf Lohn und Strafe und durch die angeborene Neugier erregt werden, sodann durch Eitelkeit, Ehrgeiz u. s. w., und im dritten Stadium durch die Gewohnheit. Er scheint nicht einzusehen, daß alles auf der Welt eher künstlich genannt werden kann als das Interesse, welches immer Egoismus ist. Wir glauben erforscht zu haben, daß der unterste Grad des Interesses, daß die simpelste Reaktion auf Licht- oder Gehöreindrücke in der Entwicklung der Organismen durch Gedächtnis entstanden ist; für uns ist es die Wirkung desselben Gedächtnisses, wenn der Junge in der Schule aufmerksam Latein lernt, zuerst weil er sich vor Prügeln fürchtet, dann weil er Einjährig-Freiwilliger werden möchte, und schließlich, weil er es gewohnt ist, Latein zu lernen. Wieder fließen die Begriffe von Gewohnheit, also von automatischem Handeln, mit vermeintlichem Wollen zusammen.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 03:59:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright