Erinnerungsbilder wirklich


Ich habe eben den Ausdruck Erinnerungsbilder gebraucht. Diese Bilder haben die Psychologie jahrhundertelang nicht in Ruhe gelassen. Man hat lange Zeit in den Vorstellungen wirkliche, reale Bilder der Wahrnehmungen gesehen und die rohesten Hypothesen darüber aufgestellt, wie diese Bilder in das Gehirn hineingelangen. Platons nachwirksame idea war zugleich: Urbild, Spiegelbild und Vorstellung. Ich neige sehr dazu, diese rohen Hypothesen für ungefährlicher zu halten als die unvorstellbaren Lehren der neueren Psychologie, die zwar irgendwelche molekulare Veränderung der Ganglien oder doch die Tendenz zu einer molekularen Veränderung als Ursache der Erinnerungsbilder annimmt, aber diese Bilder dann wieder als Symbole auffaßt, als unwirkliche Zeichen der Wahrnehmungen, die selbst wieder nur Zeichen für die Wirklichkeitswelt sind. Dabei muß alles Vorstellen aufhören. Ich möchte mit wenigen Worten zeigen, daß alle Erinnerungsbilder, wenn sie nur Symbole sind, es doch nicht weniger sind als die unmittelbaren Wahrnehmungen der Wirklichkeitswelt. Für diese darf natürlich die letzte Frage, die nach ihrer Realität, aufgeworfen werden; doch so real wie die Wahrnehmungen sind die Erinnerungen eben auch.

Ich gehe davon aus, daß das Spiegelbild eines Körpers um nichts weniger real ist als das unmittelbare Bild des Körpers, und da wir vom Körper nichts wissen als die Angaben unserer Sinne: um nichts weniger real als der Körper selbst. Das unmittelbare Bild entsteht durch Einwirkung der sogenannten Ätherschwingungen auf unseren Sehnerv. Das Spiegelbild entsteht durch die Einwirkung derselben abgelenkten Schwingungen; weil wir nun den Körper und sein Spiegelbild sehen, weil wir aus der Praxis wissen, daß der Körper nur einmal vorhanden ist, weil wir das Spiegelbild nicht essen und nicht einmal betasten können, darum nennen wir es unwirklich. Es ist aber nur unwirklich für unsern Magen und für unsere Hände. Für den Gesichtssinn ist es wirklich. Erblicken wir einen Körper unter der Oberfläche des Wassers in einer falschen Richtung, so korrigieren wir sie, falls wir den Körper mit den Händen greifen, mit der Kugel treffen wollen. Wie der Kunstschütze die Richtung der Pistole korrigiert, wenn er einen Gegenstand, in den Spiegel blickend und nach rückwärts zielend, treffen will. Für den Gesichtssinn ist er aber wirklich dort, wo wir ihn sehen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
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