Schmerz und Sprache


Der Physiologe Brücke teilt die Schmerzempfindungen begrifflich so ein, daß er eine sehr schmerzhafte Erregung einer fest umgrenzten kleinen Nervengruppe einen stechenden Schmerz nennt, die lineare Fortpflanzung dieses Schmerzgefühls aber einen schneidenden Schmerz; die gleichzeitige schwächere Erregung einer größeren Nervenmenge nennt er einen drückenden Schmerz. Es scheint mir außer allem Zweifel zu stehen, daß diese Namengebung zwei Dinge miteinander verwechselt: den Schmerz selbst und die Mitteilungen des Tastgefühls. Ich möchte wissen, ob der Schmerz beim Abgestochenwerden und beim Geschächtetwerden wesentlich verschieden ist. Die Art der Verletzung hat mit dem Schmerz nichts zu tun. In der natürlichen Volkssprache wird der Schmerz ähnlich so nach seiner Herkunft genannt wie der Geruch. Wir klagen ohne jede Rücksicht auf die Fortschritte der Anatomie und der Nervenphysiologie heute wie vor Jahrtausenden über Kopfschmerz, Augenschmerz, Halsschmerz, Zahnschmerz (man irrt oft im Zahn), Brustschmerz, Bauchschmerz, Fußschmerz. Daran hat die Lehre, daß jeder Schmerz erst im Gehirn empfunden und von dort nach dem Endpunkt des Nervs projiziert werde, so wenig geändert, wie die Astronomie an dem Worte Sonnenaufgang. Daran hat aber auch die genauere Einsicht in die Gewebeverhältnisse der schmerzenden Körperteile nichts geändert. Und wenn der Arzt den Leidenden quält, ihm doch genau zu sagen, was für einen Schmerz er empfinde, so hilft sich der Leidende, da er kein Wort zur Verfügung hat, mit einer vergleichenden Beschreibung. Und das ist ganz in der Ordnung. Denn der Arzt wollte ja eben eine Erklärung, das heißt eine Beschreibung des Leidens haben. Wenn nun Wundt die Schmerzen wieder anders begrifflich einteilt, in bohrende, stechende und brennende Schmerzen, so liegt es auf der Hand, daß er die subjektive vergleichende Beschreibung des Leidenden zu einer festen Definition zu verwandeln versucht hat, indem er mit genauerer Anatomie als das Volk seine Einteilung nach inneren Körperteilen entwirft. Sie kann aber nicht Eigentum der Volkssprache werden, weil die Vergleichung zu ungenau ist, ja vielleicht nur wieder der sich immer gleich bleibende Schmerz von einem Lokalgefühl begleitet wird.

Eine Gegenüberstellung der Geruchsempfindungen und der Schmerzempfindungen wird uns aber noch mehr lehren, als bisher beachtet worden ist. Vor allem ist es auffallend, daß wir immerzu von einem Geruchsinn sprechen, nicht aber von einem Schmerzensinn. Und doch verhält sich die menschliche Haut — ihre übrigen Funktionen beiseite gelassen — zu den Schmerzen nicht anders als die Nasenschleimhaut zu den Gerüchen. Ja vielleicht ließe sich aus der Nützlichkeit, Nützlichkeit im Sinne der echten Naturforscher, die nicht wortabergläubisch bei der mechanistischen Theorie Darwins stehen geblieben sind, — vielleicht ließe sich aus der Nützlichkeit der Haut als eines Schmerzensinns die Entwicklung der Sinne überhaupt besser als bisher erklären. Denn keine äußere Einwirkung, nicht Licht und Schall, ist dem tierischen Organismus so wichtig als die unmittelbare und störende, das heißt schmerzhafte Berührung anderer Körper. Daß aber der Schmerzensinn in seiner Anwendbarkeit, in seiner Mitteilbarkeit vor allem, das heißt in seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit also doch noch tiefer stehe als der niederste der bisher so genannten Sinne, das wird uns vorsichtig machen müssen. Es handelt sich um eine Zusammenfassung allbekannter Tatsachen, die meines Wissens noch nicht in Zusammenhang gebracht worden sind.

Unsere ganze Welterkenntnis, das heißt unsere Sprache, geht auf unsere Sinneseindrücke zurück. Es wäre aber die Summe all unserer Sinneseindrücke, falls wir dann noch eine Erinnerung an sie haben könnten, ein wahnsinniges Chaos, wenn unsere Sinne nicht die Kraft oder die Gewohnheit hätten, ihre Eindrücke nach außen zu verlegen, an den Ort ihrer Herkunft, wie wir annehmen. Durch diese Eigentümlichkeit der Sinne erst entsteht das, was wir die Außenwelt nennen, was für uns die Wirktichkeitswelt ist. Das ist ja eben im Anschluß an Kant ausgeführt worden. Es bleibe — nebenbei bemerkt — dahingestellt, wie weit die Sinne der niederen Tiere die Sinneseindrücke ebenso nach außen projizieren, wie weit also die niederen Organismen überhaupt ihr Ich von einer Außenwelt unterscheiden können.

Es bleibe ferner dahingestellt, ob alle Tiere einen Schnierzensinn besitzen, da auch die Entwicklung anderer Sinnesorgane nicht differenziert bis zu den niederen Tieren zurückgeht. Es handelt sich bei dieser Zwischenbemerkung sprachlich darum, ob wir nicht immer in Metaphern reden, wenn wir über den Schmerz der niederen Tiere sprechen; wie es doch eine ganz offenbare und recht abgeschmackte Metapher ist, wenn in unserer wehleidigen Zeit die Blümelein bedauert werden, weil man sie bricht.


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