Erinnerung an Schmerz


Für denjenigen, der sich selbst genau zu beobachten vermag, wird die Schmerzvorstellung nebenbei beweisen, daß das Denken nur ein Worterinnern ist. Wäre das nicht, so müßte die Vorstellung eines vergangenen Schmerzes wieder Schmerz erwecken, meinetwegen einen abgeschwächten Schmerz, aber immer müßte die Vorstellung eine Verwandtschaft mit sich selber haben. Das ist aber doch nicht der Fall. Wenn ich Zahnschmerz habe, so ist das nicht gedacht, so fühle ich den Schmerz ohne jede Denktätigkeit ganz wohl — da. Wenn ich mich aber an Zahnschmerz erinnern will, — notabene will, nicht wenn die Erinnerung durch ein leises Wehtun geweckt worden ist —, wenn ich mich bei gesunden Zähnen an Zahnschmerz erinnern will, dann hilft mir kein Denken und kein Vorstellen, sondern nur das ausgesprochene oder inwendig angeschlagene Wort "Zahnschmerz". Und dann habe ich eben auch nicht die Vorstellung vom Schmerz, sondern nur das Zeichen für die bekannte Sache. Und das Wort tut so wenig weh, wie etwa die Einschreibung von tausend Zentnern Getreide in der Registratur, die Tinte auf dem Papier, jemanden satt macht. Worte, wenn sie nicht ausnahmsweise Waffen sind, als wie Drohungen oder Denunziationen, tun nicht weh. Der Fetischismus aber, der seit Jahrtausenden mit Worten getrieben wird, ist so groß, daß der Pöbel nicht anders als die realistischen Philosophen des Mittelalters denkt und sich euphemistisch vor Worten scheut. Viele Leute fürchten so besonders das Wort Tod, das das allerunschuldigste ist, weil es nicht nur ebensowenig weh tut wie das Wort Zahnschmerz, sondern sogar unvorstellbar ist, da ja doch niemand eine Erinnerung an seinen Tod hat. Die Furcht vor Schimpf werten und der eingebildete Schmerz, nachdem man sie vernommen hat, gehören auch hierher.  


 © textlog.de 2004 • 25.06.2017 00:26:04 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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