Hamann


Der erste, der auf die Notwendigkeit einer sprachlichen Metakritik gegen Kant hinwies, mußte ohne rechte Wirkung bleiben, weil er nicht so hoch zu steigen vermochte, wie er gebaut hatte, weil er bei allem Spürsinn ein Wirrkopf war, weil ihm nur eine Empfindung für die letzten Feinheiten der Sprache gegeben, die Herrschaft über eine verständliche Sprache jedoch versagt war; es ist der alte, halb vergessene Johann Georg Hamann, Kants Landsmann und guter Bekannter. In seiner "Metakritik über den Purismum der reinen Vernunft" stellt er konfus und doch genial die sprachkritische Forderung gegen Kant auf. Die Sprache sei das einzige, erste und letzte Orgauon und Kriterion der Vernunft, ohne ein ander Kreditiv als Überlieferung und Usum. "Es geht aber einem auch beinahe mit diesem Idol wie jenem Alten mit dem Ideal der Vernunft. Je länger man nachdenkt, desto tiefer und inniger man verstummt und alle Lust zu reden verliert ... Rezeptivität der Sprache und Spontaneität der Begriffe! — Aus dieser doppelten Quelle der Zweideutigkeit schöpft die reine Vernunft alle Elemente ihrer Rechthaberei, Zweifelsucht und Kunstrichterschaft, erzeugt durch eine ebenso willkürliche Analysis als Synthesis des dreimal alten Sauerteigs, neue Phänomene und Meteore des wandelbaren Horizonts, schafft Zeichen und Wunder mit dem Allhervorbringer und Zerstörer, dem merkurialischen Zauberstabe ihres Mundes, oder dem gespaltenen Gänsekiel zwischen den drei syllogistischen Schreibefingern ihrer herkulischen Faust — —". Sprache sei der Mittelpunkt des Mißverstandes der Vernunft mit ihr selbst; der Mißbrauch der Sprache um ihres natürlichen Zeugnisses (so heißt es in "Golgatha und Scheblimini!") sei der gröbste Meineid und mache den Übertreter dieses ersten Gesetzes der Vernunft und ihrer Gerechtigkeit zum ärgsten Menschenfeinde, Hochverräter und Widersacher deutscher Aufrichtigkeit und Redlichkeit; gegen Mendelssohn spricht dabei Hamann von einem "Schlangenbetrug der Sprache". Und gegen Kants Vernunftbegriff heißt es wieder in der Metakritik mit erfrischendem Übermut: "Hier schnarcht der Homer der reinen Vernunft ein so lautes Ja! wie Hans und Grete vor dem Altar, vermutlich weil er sich den bisher gesuchten allgemeinen Charakter einer philosophischen Sprache (Hamann denkt an Leibnizische, von John Wilkins entlehnte Ideen, die zu keinem Ziele führten) als bereits erfunden im Geiste geträumt". Aber schon in einem Briefe von 1759 weiß Hamann: "Ein kleiner Zusatz neuer Begriffe hat allemal die Sprache der Philosophie geändert." Wir werden uns mit dem wüst genialischen Hamann noch mehr als einmal zu beschäftigen haben. Er war der erste, der in der Sprache den Feind erriet; aber im Kampfe gegen diesen Feind unterlag der Schriftsteller Hamann. 


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