Subjektivismus, Sinnestäuschungen


Was nun Kant in seiner Weise, trotz allen scholastischen Wortaberglaubens und trotzdem er die bereits aufkeimende Entwicklungslehre nicht ahnte, mit Genialität erkannte, war der Gedanke: wir vermögen unser Seelenleben gar nicht in seine subjektiven und objektiven Elemente zu trennen, weil in unserer Seele gar nichts vorhanden ist als die objektive Welt, diese aber nicht an sich, sondern als Erscheinung, weil also die ganze objektive Welt in unsere Seele nur unter der Form einzieht, welche sie durch unser subjektives Denken erhalten hat, das wieder von den Sinnen abhängt. Drückt man Kants Gedanken so aus, so fallen allerdings bald seine ewigen Kategorien der Anschauung und des Denkens hinweg, und der menschliche Verstand, der ihm noch, zum Unheil für seine Nachfolger, doch als etwas wie eine geistig wirkende Person, erschien, verflüchtigt sich zu einem Worte, das bei Leibe keine bleibende oder gar ewige Bedeutung beanspruchen darf. Der Intellekt wird zur zusammenfassenden Bezeichnung für die Komplexität sich fortentwickelnder Sinne; der Intellekt wird zu einer Abstraktion sich entwickelnder Erscheinungen. Und seit hundert Jahren haben Forscher und Denker, mit oder ohne Berufung auf Kant, mit oder ohne Kenntnis von Kant, unablässig dahin gearbeitet, den Gedanken von der Unerkennbarkeit des Dings-an-sich, von der Subjektivität unseres Denkens, ja selbst unserer Empfindungen zum Gemeingut einer Wissenschaft zu machen, die resigniert den schmalen Raum zwischen dem Nichtwissenkönnen und dem Nichtwissenwollen beherrscht. In Deutschland hat die an Kant geschulte Physik und Physiologie von Helmholtz und Mach, hat die allzu abstrakte und doch leidenschaftliche Theorie von Avenarius, in Frankreich und England hat der Positivismus von Comte und Spencer (Spencer leugnet vergebens seine Abhängigkeit von Comte) derselben Lehre zum Siege verhelfen: was wir für objektiv gehalten haben an unserer Welterkenntnis, das ist erst recht subjektiv; was wir von der Außenwelt wissen, ist niemals objektive Kenntnis, sondern immer ein Symbol, eine Metapher, deren Tertium comparationis uns unzugänglich bleibt, weil sie uns vom Wesen unserer Sinne aufgedrängt wird. Es ist, als wären wir auf einem Maskenballe in einer fremden Stadt; wir erkennen, daß wir Masken vor uns haben, erkennen aber niemand, der hinter den Masken steckt, wobei die Zweideutigkeit des Wortes "erkennen" nicht zu übersehen ist. Es ist, als sähen wir den optischen Täuschungen zu, die ein geschickter Taschenspieler uns vorführt; wir merken, daß wir getäuscht sind, aber wir durchschauen die Täuschung nicht. Optische Täuschungen und andere Sinnestäuschungen können uns überhaupt über das Wesen des menschlichen Verstandes aufklären. Ist eine Sinnestäuschung ungewöhnlich und durch eine nichtnormale Beschaffenheit des Nervensystems bedingt, so nennen wir sie krankhaft und den armen Betrogenen nennen wir geisteskrank. Ist eine solche Sinnestäuschung von der Art, daß alle Menschen ihr gleichmäßig unterworfen sind und daß wir das objektive Verhältnis durch wissenschaftliche List aufdecken können (wie bei Nachbildern im Auge und dergleichen), so sprechen wir von eigentlichen Sinnestäuschungen. Gehört die Täuschung aber zum Wesen des Sinnes, empfinden wir bestimmte chemische Wirkungen, also nach der gegenwärtigen Lehre Molekularbewegungen, als etwas Bitteres oder Süßes, als etwas Wohlriechendes oder Stinkendes, empfinden wir Schwingungen von Atomen als Töne, Wärmeempfindungen, Farben, so sprechen wir diesen Täuschungen, weil sie unentrinnbar sind, objektive Wirklichkeit zu, und dem gemeinen Verstande kann leicht wieder derjenige für verrückt erscheinen, der sich von den Sinnen nicht betrügen läßt, die Subjektivität aller dieser Empfindungen behauptet, oder es gar ausspricht, daß diese Täuschungstätigkeit der Sinne am letzten Ende nur historisch geworden ist, nicht zum Wesen der Erkenntnis gehört, daß es auch anders hätte werden können.

Und doch ist diese letzte Behauptung notwendig, wenn wir uns den Intellekt als etwas Gewordenes und immer noch Werdendes vorstellen wollen. Jedermann weiß, daß Stärke und Qualität unserer Empfindungen bei Völkern und Individuen, ja sogar beim selben Individuum in verschiedenen Lebensaltern oder selbst innerhalb derselben Stunde unter verschiedenen Umständen wechselt. Die antiken Skeptiker haben schon solche "Tropen" gesammelt, bald sehr scharfsinnig, bald sehr sophistisch. Dann geriet die skeptische Lehre von der Unzuverlässigkeit unserer Empfindungen in Verruf. Der Sensualismus vollends war materialistisch, also dogmatisch, also nicht skeptisch. Er vertraute den Empfindungen. Er definierte die Körper als die Möglichkeit von Empfindungen. Von den Möglichkeiten wissen wir nichts, drum halten wir die Empfindungen für wirklich. Aber diese Empfindungen täuschen. Dem Kinde und dem Kranken erscheinen Gewichte schwer, die dem gesunden Erwachsenen leicht erscheinen. Stecke ich die rechte Hand in ganz kaltes, die linke in heißes Wasser und dann beide Hände in ein Bad von 25 Grad Reaumur, so glaube ich, das heißt doch wohl mein Intellekt, die beiden Hände in verschiedene Flüssigkeiten eingetaucht zu haben, die rechte in sehr warmes, die linke in ein sehr kaltes Bad. Abgestumpften Sinnen erscheint Wohlgeruch und Süssigkeit erst gleichgültig, dann widerwärtig. Ton- und Lichterscheinungen täuschen uns an allen Ecken und Enden. Die Subjektivität der Empfindungen, aus denen wir erst auf die Körper als auf ihre Möglichkeiten schließen, steht über allem Zweifel. Die wissenschaftliche List hat die Luftstöße, die unseren Ohren als Töne erscheinen, den Augen als Schwingungen sichtbar gemacht; eine unendlich feinere wissenschaftliche List hat es uns vorstellbar gemacht, daß auch Farben schwingende Stöße sind. wobei freilich die Aetherschwingungen wieder nur Symbole für etwas den Luft Schwingungen Ähnliches sein mögen. Die einfachsten Empfindungen unserer Sinne täuschen uns also über die Welt viel allgemeiner und gründlicher, als die antiken Skeptiker sich das träumen lassen konnten.


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