Schmerz


Da ist es nun merkwürdig, daß wir, deren Sinne für die Schmerz sogenannte objektive Welt sich so feinmechanisch entwickelt haben, für das Interessanteste unserer subjektiven Innenwelt, für Lust- und Schmerzgefühle, keine besonderen Sinne haben, das heißt keine besonderen Organe. Denn der Sinn, das heißt hier das Verständnis für Lust und Schmerz ist gewiß älter als unsere Außenweltsinne, ist gewiß älter als der Ursinn, der Tastsinn. Der organlose Sinn für Schmerz und Lust, die Empfindung für Schmerz und Lust, ist neuerdings nur metaphorisch dem Vitalsinne zugewiesen worden. Auf die Bedeutung des Schmerzes für die Entwicklung der Organismen, auf die Beziehung zwischen Schmerzempfindlichkeit und Intelligenz, auf die besondere Stellung des Menschen (der allein außer dem Schmerz auch den Tod fürchtet und abzuwenden sucht) hat vor hundert Jahren schon Lamarck hingewiesen.

Es wird seit Schopenhauer viel darüber gestritten, ob die Summe der Schmerzen oder die Summe der angenehmen Empfindungen im Menschenleben überwiege. Eine Statistik darüber wird sich schwer aufstellen lassen, ebenso schwer eine überzeugende Rechnung. Wo möglich noch schwerer dürfte die Frage zu beantworten sein, ob, gewissermaßen nach einem Mehrheitsbeschluß, der Schmerz oder sein Gegenteil als der positive Begriff zu betrachten sei. Der vergnügte Alltagsmensch wird geneigt sein, seine Vergnügtheit als etwas höchst Positives aufzufassen, jeden Schmerz als eine Negation; der pessimistische Philosoph erklärt den Schmerz für das Positive, jedes Lustgefühl für ein Freisein von Schmerzen. Wir an. unserer Stelle haben mit solchen Spitzfindigkeiten nichts mehr zu tun. Ich glaube, auch der Optimist wird übrigens einen heftigen Zahnschmerz, der Pessimist einen Augenblick der Wollust nicht für etwas Negatives halten.

Es hängt aber damit die merkwürdige Erscheinung zusammen, daß die lebendige Sprache des einfachen Mannes wohl die Abstraktion Schmerz gebraucht und darunter alle Unlustgefühle zusammenfaßt, daß sie aber für Lustgefühle ein gemeinsames Wort nicht besitzt. Denn dieses "Lustgefühl" selbst gehört nur der wissenschaftlichen Sprache an; ebenso wie "Lust" im Sinne eines Gegensatzes zu Schmerz dem Volke nicht geläufig ist. Man sagt dafür bald Wollust, bald Freude, bald Vergnügen (ähnlich in anderen Sprachen); es gibt keine volkstümliche Abstraktion der Lustgefühle. Auch besitzen wir gegenüber dem fast zur Interjektion gewordenen Komparativ "leider" für die Freude höchstens den metaphysischem Ausruf "gottlob".

Wir werden auf eine ähnliche Armut der Sprache bei einer Untersuchung des Geruchssinns stoßen. Seine Sinneseindrücke geben der menschlichen Sprache einen verschwindend kleinen Teil ihrer Erinnerungen und eigentlich kein einziges unmittelbares Wort, weil wir die einzelnen Gerüche regelmäßig nach den Körpern benennen, die sie erregen. Der Geschmackssinn liefert schon einige fest umgrenzte Abstraktionen wie: süß. bitter, sauer. Der Geruchssinn kennt nur die scharfe Unterscheidung der Gegensätze von angenehm und unangenehm, gut und schlecht. Er gleicht am meisten dem moralischen "Sinn", der auch zuletzt nur den Gegensatz von gut und schlecht noch kennt und die einzelnen Tugenden und Laster kaum an Beispielen beschreiben kann.

Das Gemeingefühl, der Vitalsinn, ist also nicht einmal so deutlich wie der dumpfe Geruchssinn. Es faßt die unangenehmen Gefühle unter dem Begriff Schmerz zusammen, hat aber für die angenehmen kein Wort. Wenn der Schmerz dem Gestank entspricht, so entspricht in der Volkssprache nichts dem Geruch, dem Wohlgeruch. Es gibt aber dennoch einige unbestimmte Bezeichnungen für Gruppen von Geruchsempfindungen, und diese lassen sich ganz wohl mit einzelnen undeutlichen Worten für Schmerzempfindungsgruppen vergleichen. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß z. B. der sogenannte stechende Geruch vielleicht nur eine schmerzhafte Begleiterscheinung gewisser Gerüche ist, daß also das Einatmen von Chlor zugleich den besonderen Chlorgeruch im Organ hervorruft und einen stechenden Schmerz in den Schleimhäuten.


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