Zufallssinne


Vielleicht kommen wir noch einen Schritt über die Tautologie hinaus, wenn wir uns des uns eigentümlichen Begriffs der Zufallssinne bedienen. Vielleicht erfahren wir auf diesem Wege, was es bestenfalls mit dem Seelenbegriff auf sich haben kann.

Unser neuer Begriff "Zufallssinne" stellt sich derjenigen Auffassung entgegen, die unbewußt von Philosophen wie von den naivsten Menschen angenommen wird: daß nämlich auf der einen Seite die Welt sei, auf der anderen Seite der Mensch mit Organen für sämtliche Erscheinungen der Welt. An dieser Vorstellung ändert philosophische Schulung nicht viel. Ob der Bauer annimmt, der Handschuh passe genau auf die Hand, oder ob Kant annimmt, es passe die Hand (die Welt der Erscheinungen) in den Handschuh (den Verstand), das ist für unseren Standpunkt gleichgültig. Kant sowohl wie der Bauer meinen, Verstand und Welt passen aufeinander wie das Schneckenhaus zur Schnecke, wie die beiderseitigen Geschlechtsteile einer Tierart, wie der krumme Türkensäbel zur krummen Scheide. Nach meinem Dafürhalten rühren Jahrtausende alte metaphysische Streitigkeiten darüber, wie die Übereinstimmung zwischen Außenwelt und Innenleben zu erklären sei, nach meinem Dafürhalten rühren die ungeheueren metaphysischen Irrtümer, als da sind Theismus, Okkasionalismus und Darwinismus, davon her, daß niemand das Wesen der Zufallssinne ahnen will, daß niemand bisher ahnte, wie wenig die Welt und unsere armen fünf Sinne zueinander passen, wie vielmehr die Organismen in ihrer Lebensnot in sich diese verzweifelten fünf Sinne ausgebildet haben, um sich, das heißt ihr Leben und das ihrer Nachkommen, dem Nachbarleben anzupassen. Die Außenwelt ist ein Ozean von Wirklichkeiten und Möglichkeiten, von Elementen und Kräften, vielleicht von wirklich gewordenen Möglichkeiten. Was wissen wir davon? Nicht einmal auf dem Gebiete der handgreiflichen und hausbackenen Chemie reichen unsere Sinne für irgend eine Erkenntnis der Wirklichkeit aus. Wir unterscheiden kaum Arsenik von Zucker, wenn wir nicht die List zu Hilfe nehmen, verschiedene Sinne gegeneinander auszuspielen. Durch diese und durch andere Listen haben wir es so weit gebracht, etwa achtzig Elemente zu unterscheiden; wir empfinden die brutale Sinnlosigkeit dieser Ziffer und wissen uns doch nicht anders zu helfen und stehen wie die Ochsen vor einem neuen Tor, wenn plötzlich ein Engländer in dem verbreitetsten aller Stoffe, in der Luft, neue Elemente listig entdeckt. Nicht einmal für die Eckigkeiten und Dreckigkeiten des chemischen Atomismus langen also unsere Sinne. Und nun gar für die Kräfte! Nach der gegenwärtigen Anschauung der Physiker gibt es da draußen irgendwo Schwingungen, überall, endlos. Wenn unsere Sinne dazu ausreichten und wenn das mit den Schwingungen genau zu nehmen wäre, wie müßte ein Kügelchen Luft von der Größe eines Tautropfens aussehen? Schwingen müßte in ihm stärker oder schwächer zu gleicher Zeit jede Wärme, jedes Licht, jeder Ton, der irgendwo gerade auf der Erde oder auf dem letzten Stern der Milchstraße seine Wellen zieht; nachschwingen müßte bis ins Unendliche jeder Ton, jede Farbe, jede Erwärmung und jede elektrische Entladung, die jemals irgendwo auf der Erde oder irgendwo auf der Milchstraße ihre unvergänglichen Wellenkreise begonnen haben. Die Schwingungen, welche in einem Luftteilchen sich chaotisch und doch harmonisch durchkreuzen, wenn in einem Konzertsaale das ganze Orchester einen komplizierten Akkord mit allen seinen Tönen und den Nebentönen aller Instrumente erklingen läßt, dieses durch keine mathematische Formel entwirrbare Durcheinander von Wellen wäre aber doch die vollkommenste Ruhe zu nennen im Vergleiche zu den kosmischen Wellenkreuzungen jenes Luftkügelchens von Tautropfengröße. Was aber nehmen unsere Sinne aus dieser Unendlichkeit der angenommenen Schwingungen wahr? Nichts wissen wir z. B. von den Schwingungen, die zwischen Ton- und fühlbaren Wärmeschwingungen die Welt erfüllen. Unsere Sinne haben zufällig kein Interesse gehabt, sich diesen Schwingungen anzupassen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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