Platon


Die größten Denker unter denen, welche die Wirklichkeit transzendental erklärten, sind dieser Vorstellung von Zufallssinnen nahe gekommen. Das berühmte Bild, durch welches Platon die Unvollkommenheit der menschlichen Seele anschaulich zu machen sucht, hat mich selbst zuerst zu dem Begriffe der Zufallssinne geführt. Wie die Menschen in einer Höhle gefesselt sitzen, den Rücken gegen den Eingang der Höhle gewandt und so vor sich den Schatten der Dinge vorüberziehen sehen, die sich vor dem Eingang vorüberbewegen, so sitzt die Seele in der dunklen Höhle des Leibes und sieht die Schatten der Dinge, die durch die Öffnungen des Leibes von vorüberziehenden Dingen hineingeworfen werden. Zufällig ist die erscheinende Wirklichkeit hier, zufällig aber auch die Öffnungen des Leibes, zufällig endlich die Organisation dieser Öffnungen, der Augen und der Ohren. Diese letzte Zufälligkeit hätte Platon zwei Jahrtausende vor Darwin sich nicht einmal vorstellen können, abgesehen davon, daß Platon der höheren Abstraktionen viel weniger fähig war, als man glauben sollte, wenn man sich seine Sprache in das nachhegelsche Philosophendeutsch falsch übersetzt. Der Wortrealismus Platons war noch naiv. Sein Idealismus (möchte ich sagen) hatte etwas Konkretes, sein Wortrealismus knüpfte gern an konkrete Worte an. Platons Ideenlehre war noch kein Rationalismus. Sein Seelenbegriff braucht nicht erkenntnistheoretisch ernst genommen zu werden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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