Pessimismus


Durch die ganze Geschichte der Philosophie, das heißt durch die Reihe von Gedankenwerken bedeutender Männer, zieht sich der auffallende Gegensatz, daß alle Köpfe ersten Ranges das Elend, ja das Grauen des Lebens durchschaut haben und von Homeros bis Schopenhauer den Satz des Sophokles irgendwie aussprechen, es wäre besser nicht geboren worden zu sein, daß anderseits dieselben Köpfe eine überlegene Heiterkeit des Geistes entweder zeigen oder doch empfehlen. Wie kann die tiefere Einsicht zugleich zum Pessimismus und Optimismus — wie man das gewöhnlich nennt — führen, zum Weltschmerz und zur ruhigen Heiterkeit?

Das Rätsel lichtet sich ein wenig, wenn man beachtet, daß, wer die Welt am tiefsten zu kennen sich bemüht, auch am besten die Betrügerin Sprache durchschauen wird. Und da kann es nicht fehlen, daß jeder blitzartig schnelle Blick hinter die Schleier des Lebens uns mit dem furchtbarsten Entsetzen, dem Entsetzen vor der Bestie in uns, erfüllt, daß aber diese Erkenntnis selbst sich zur Heiterkeit abklären kann, wenn wir wissen, daß diese Erkenntnis nichts anderes ist als Sprache, ein Windhauch der Erinnerung.

Es ist nämlich das Entsetzen vor dem Leben, der Weltschmerz oder Pessimismus — den darstellen zu wollen nach Schopenhauer überflüssig und eitel wäre wie E. v. Hartmann — es ist das Grauen vor der Gemeinheit der drei treibenden Mächte doch nicht eigentlich eine Einsicht, sondern eine Gefühlsfarbe, eine Stimmung, die bei den besten Denkern nur darum stets anzutreffen ist (auch bei den Verfassern von Theodiceen), weil doch die Fähigkeit zu so ungeheurer Kopfarbeit niemals ohne starke Erregbarkeit anderer Nervengruppen vorhanden sein dürfte. In der Gegenwart ist es, wo der Mensch leidet, immer leidet, wenn er feine Sinne hat: durch die Niedrigkeit der Menschennatur (auch seiner eigenen), durch das Leiden anderer (auch der Tiere), durch ewige Unbefriedigung. Das ist die Gegenwart, die doch immer da ist, und darum ruht auf dem Leben des Denkers der Weltschmerz, der Schmerz um und durch die Welt, wie eine dunkle Wolke.

 

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