Soldatenlieder


Aber zur Abwechslung nicht die Lieder, die verzückte und reklamierte Literaten Zuhause sammelten, und die draußen kein Mensch sang: sondern Lieder, die von Soldaten handeln – Lieder über Soldaten.

Das kleine Heftchen mit den paar Versen heißt: ›Die erdolchte Front‹ und ist von Erich Kuttner geschrieben, dem Redakteur des ›Vorwärts‹. (Verlag der Buchhandlung Vorwärts zu Berlin.) Kuttners Haltung im Kriege war Ja – schon deshalb, weil er mitmarschiert ist. Und so gut wie sein Wort ist, das er einmal geschrieben hat: »Man sollte ein Kriegerdenkmal errichten, darauf sollte nur ein einfacher Mann stehen und darunter: ›Der deutsche Infanterist trägt 75 Pfund«‹ – so gut wie dieses Wort ist dieses kleine Heft.

Wir wollen uns nichts vormachen: solche Verse, die aus der Entrüstung und aus der revolutionären Gesinnung heraus geschrieben werden, haben selten großen künstlerischen Wert. Ich halte das für belanglos. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Reime der guten Gesinnung meist schlecht und Verse der gefährlichen Gesinnung gewöhnlich packend sind. Kuttners Gedichte sind für die literarische Kritik nicht sehr belangvoll – für die Kenntnis der deutschen Soldatenpsyche aber sehr.

Ausgezeichnet das Vorwort, das in stammelndem Haß alle die Anklagen wirr und wild zusammenfaßt, die hunderttausendmal gegen deutsche Offiziere seit dem neunten November herausgeschrien worden sind. Schimpfen, Saufen, Fressen, Huren, nochmal Saufen, Menschenschinden – das Vorwort zählt alle Todsünden dieses Standes auf – und hat am Schluß die Ankündigung: »Ja, und nun bitte ich, vorzutreten. Es geht los. Helm ab zum Beten!«

Es geht los. Ein feiner Gottesdienst. ›Das Kasino‹. ›Requisition‹. ›Karpatentragödie‹. Ein ausgezeichnetes ›Muschkotenlied‹:

 

Marschierte baß und fror und schwitzt,

Fraß früh und abends Drahtverhau.

»Den Braten han die Herrn stibitzt

– Heidi, heida! –

Für sich und ihre Sau!«

 

Diese und ›Die Straße‹ sind das beste aus dem Heftchen – besonders mit der ›Straße‹ müßte jeder Rezitator jede Arbeiterversammlung aus dem Häuschen bringen. Was oft not tut.

Ganz zum Schluß steht ein »Beiwort: Den Ästheten, die diese Tendenzpoesie als gänzlich unkünstlerisch ablehnen«. Na, warum denn gleich so wild! Man kann sehr wohl gute Lyrik schätzen und auch sagen, dass dies keine fein durchgebildete Verskunst ist. (Dann muß unerhörter Elan ersetzen, was an Kunst abgeht.) Aber Kuttner hat recht: darauf kommts hier nicht an. Es kommt auf ganz etwas andres an.

Auf die Erinnerung, die nie vergehen soll. Frachtwerke über die große Zeit kommen und gehen, Generale schreiben ihre Memoiren, Professoren wissen alles besser, und Zeitungen haben es gleich gesagt ... Im Wind aber verweht ein Soldatenlied und klingt und grüßt:

 

»Den Braten han die Herrn stibitzt

– Heidi, heida! –

Für sich und ihre Sau!«

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 26.08.1920, Nr. 35, S. 246.





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