Der schlaflose Tote


Da, wo das Grab war, schlief er nicht,

er konnte da nicht schlafen;

denn rechts war eine Zuckerfabrik

und links ein Treidelhafen.

So spukte er denn überall umher.

 

Er spukte an der Kasernenwand,

da stand ein Fenster offen –

doch weil es nach Leder und Leutnants roch,

so ist er davongeloffen.

Und das von Rechts wegen.

 

Er spukte im Kirchenchor. Da begann

der Pfaff auf den Knien zu krauchen:

»Bist du vielleicht Christus, du weißer Mann?

Dann können wir dich nicht gebrauchen.

Was haben wir aus dir gemacht –!«

 

Er spukte auf einer Redaktion.

Da erhob sich der Hauptschriftleiter

und sagte: »Ich verstehe Sie schon –

aber gehen Sie ein Haus weiter!

Unser erstklassiges Publikum besteht leider

aus lauter Idioten!«

 

Er ließ die Gewänder im Reichstag wehn,

da hatte ers gut getroffen:

Einen Geist, einen Geist, den kannten sie nicht,

das Maul stand ihnen offen.

Haben Sie übrigens die feinpointierte Rede

des Abgeordneten Breitscheid gelesen –?

 

Er spukte im Landgericht III zu Berlin.

Was bot sich da seinem Blicke:

Die deutsche Themis – welch ein Schreck:

Eine alte gespenstische Zicke.

In den Zellen winselten Zehntausende.

 

Er spukte in der Wilhelmstraße:

Rayonchefs und Bürokraten,

sowie die Kommis der Diplomatie

und ehemalige Soldaten.

Dafür bluten nachher sechzig Millionen.

 

Dies alles sowie Addalin

wirkten nichts gegen sein Getue.

Ein schlafloser Toter weht durch die Welt –

Gott gebe ihm ewige Ruhe!

Amen.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 03.11.1925, Nr. 44, S. 690.





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