Fünfundzwanzig Jahre


»Mein geronnenes Herzblut« sagte Siegfried Jacobsohn, wenn er die rote Reihe der Halbjahrsbände der ›Weltbühne‹ betrachtete, die immer vor ihm standen. Seine Arbeit war darin, seine Liebe und sein ganzes Leben. Einundzwanzig Jahre hat er dem Blatt jede wache Stunde gewidmet, und er träumte, wenn nicht von Mozart, dann sicherlich von neuen zu gewinnenden Mitarbeitern. Er deckte sich jede Woche einen kleinen Geburtstagstisch: »Sächelchen tue ich euch in die nächste Nummer ... !« und vorausgenießend schmeckte er die Qualität der Arbeiten ab, deren Entstehung fast immer seiner Initiative, seiner Tatkraft, seiner liebevollen Überredung zu verdanken waren. Und jetzt stehen die fünfzig Bände vor uns; man muß schon zweimal kräftig ausschreiten, wenn man die lange Reihe abgehen will. Fünfundzwanzig Jahre sind um. Wir dürfen zurückblicken.

 

Am 7. September 1905 erschien die erste Nummer. Am Geburtstag Albert Bassermanns: für S. J. ein schönes Vorzeichen.

Nach jenem Spektakel, den eine künstlich aufgepustete und von S. J. später im ›Fall Jacobsohn‹ aufgeklärte Plagiataffäre des jungen Theaterkritikers an der ›Welt am Montag‹ hervorgerufen hatte, war Jacobsohn in die Versenkung untergetaucht. Er war auf Reisen gegangen, hatte innerlich wieder von vorn angefangen und in fernen Ländern frischen Mut geschöpft. Mit Hilfe von Freunden, die die Literatur und das Theater ebenso liebten wie er, war es ihm möglich gewesen, die neue Zeitschrift ins Leben zu rufen. Er hat von der ersten Nummer bis zum letzten Novemberheft des Jahres 1926 alles allein gemacht – keine Krankheit, keine Reise, keine Ungunst der Stunde haben ihn jemals veranlassen können, die Redaktion auch nur für eine einzige Woche abzugeben.

1905. Siegfried Jacobsohn, der ›Abschreiber‹, macht ein eignes Blatt auf.

Mir ist für den Mann kaum etwas so charakteristisch erschienen, wie die ersten drei Worte, mit denen seine Theaterkritik in der Nummer eins begann, »Medias in res«, heißt es da; fangen wir mitten in der Sache an! Er hat immer mitten in der Sache angefangen.

Die ›Schaubühne‹ erschien. In den ersten drei, vier Jahrgängen stand S. J., ohne es zu wollen, im Mittelpunkt der Zeitschrift. Seine Theaterkritik der Woche war das Rückgrat; drum herum fanden sich wichtige und fesselnde Aufsätze über das Theater und auch über die Literatur ... aber ganz am Anfang war da noch kein eigner Ton, die einzelnen Nummern bildeten noch nicht solche wohlorchestrierten Einheiten wie später. Der Theaterkritiker S. J. war auf der Höhe. Der Redakteur war noch im Werden.

Das änderte sich in den Jahren 1908 und 1909. Das Blatt bekam eine neue Ausstattung von E. R. Weiß; es war sorgfältiger gedruckt als zu Beginn, die neue Zierleiste am Anfang verkündete ein neues Programm. Das Theater war für S. J. die Welt – doch nahm er den Begriff so weit, dass niemals, weder bei ihm noch bei seinen gleichgesinnten Mitarbeitern, ein enges Spezialistentum daraus wurde. Drängten nicht in das Theater die jungen Kräfte der neuen Generation? Verlohnte es sich nicht, für Reinhardt und gegen Reinhardt, gegen Brahm und für Brahm: für die Wahrheit in der Kunst zu kämpfen? Er kämpfte.

Blättert man heute in diesen alten Heften, so wird zweierlei klar.

Einmal, welche ungeheure Spanne uns von der Vorkriegszeit trennt, obgleich Deutschland auf das emsigste bemüht ist, sie, was den Tiefstand des politischen Niveaus angeht, wieder zu erreichen, ohne dass die Tapferkeit jener literarischen Generation erreicht wird, der S. J. angehört hat. Denn es kann nicht bezweifelt werden, dass dieses Geschlecht, das ich einmal der Kürze halber mit dem Wort ›Autoren des Verlages S. Fischer zu Beginn des Jahrhunderts‹ bezeichnen will, starke und eigenwillige Talente gehabt hat, Männer von Format, die man nicht damit abtun kann, dass man mit Befriedigung feststellt, sie seien heute ›tot‹. Mit dem Begriff der Dauer und der Nachwelt ist das so eine eigne Sache – S. J. hat das nie überschätzt, weil er immer gewußt hat, dass es schon etwas bedeutet, seine Zeit auszufüllen.

Und dies ist das zweite, das aus der Lektüre der alten ›Schaubühne‹ ersichtlich ist: dass es nämlich für den Wert einer Zeitschrift nicht entscheidend ist, ob sie, gedruckt im Jahre 1932, auch noch im Jahre 1989 lesbar ist, sondern dass es darauf ankommt, seine Zeitgenossen zu packen, aufzuwühlen, zu bilden und zu fassen. Die ›Schaubühne‹ hat eine Zeitaufgabe erfüllt, und sie hat sie gut erfüllt. Tot –?

Der Streit um Ibsen ist dahin; heute kramen ältere Damen im Parkett bei den ›Gespenstern‹ ihre Handtaschen um und fragen ihre Tochter: »Hast du zu Hause das Licht ausgeknipst?« Und ahnen nicht, dass der große Apothekersmann auch für sie gekämpft hat, dafür, dass hundert Vorurteile gefallen sind, gekämpft für hundert Dinge, die der Tochter gewiß selbstverständlich erscheinen. Kunstwerke erhalten sich selten – Resultate bleiben.

Für solche Resultate hat sich die ›Schaubühne‹ eingesetzt, mit viel Gehalt, mit großem Wissen und, weil das Blatt jung gewesen ist, mit viel Lärm. Zeitschriften haben, wie die Menschen, ihre Jugend, ihre Reife und ihr Alter, und unter S. J. ging das parallel mit seiner eignen Entwicklung vor sich. Welch Getöse –!

»Du bist kein Polemiker«, sagte er öfter zu mir, wenn ich später zu bösartigen und scharfen Angriffen schwieg, und ich erwiderte ihm: »Dick sein ist eine Weltanschauung.« Er war dünn. Er hatte Lust zu kämpfen, er hatte das flinke Florett und eine tödlich treffende Hand. Er war ein ritterlicher Gegner – doch wohin er schlug, da wuchs kein Gras mehr.

Welche ›Affären‹! Die sind nun heute wirklich mausetot; man kann sie nur geschichtlich werten, und ich werde mich hüten, sie aufzuwärmen, indem ich auch nur die Namen nenne! In dem ›kleinen Mann‹ war so viel Kampfeswille, so viel Begeisterung, im literarischen Kampf anzutreten; man hatte manchmal das Gefühl, als komme ihm der Gegner grade recht, als habe er nur darauf gewartet, ihn abzutun. Das vollzog sich sehr oft in Form eines geistigen Zweikampfes; er gab schon damals dem Gegner das Wort im Blatt, antwortete sofort, und man hatte niemals den Eindruck, dass er nun das ›letzte Wort‹ behielte, weil ers typographisch hatte. Er traf – aber er blieb dabei stets in den Regeln des Spiels.

Welche Affären –! Theaterdirektoren, die wie heute ihren Beruf als eine Mischung von Pacht, Unterpacht und weltfremdem Snobismus auffaßten; die große Presse, der die Unabhängigkeit des kleinen Mannes peinlich war, und deren Redakteure ihr schlechtes Gewissen an einer guten Sache ausließen; Schieber aller Arten; kleine Leute im Kaufladen der Kunst, deren Geheul erschütternd zum Himmel klang – es war sehr schön. Niemand hat heute mehr Muße, solche homerischen Redekämpfe durchzustehen, die Zeit ist anders geworden, aber damals war das Land, das sich außerordentlich ›nervös‹ vorkam, ruhiger, und ein Thema hielt länger im Gedächtnis der Leute vor. (Glückliche Revuedichter aus dem Jahre 1901!) Und hatte S. J. einmal jemand beim Wickel, dann ließ er ihn sobald nicht los. Er verfolgte ihn, er schlug, er wich nie zurück, er war ein Polemiker von Geblüt. Davon wissen viele zu klagen.

Und in diesen Jahren – etwa um 1911 – bildete sich in der ›Schaubühne‹ das heraus, was später den Geist der ›Weltbühne‹ ausmachen sollte: die blitz-blanke Redaktionsarbeit; die treffliche Auswahl der Mitstreiter; das unsichtbare, aber stets spürbare Patronat des Regisseurs, der für alle seine Leute die gleiche gute deutsche Sprache forderte, von einer Unerbittlichkeit im Stil, die von keinem seiner Gegner jemals erreicht worden ist.

Das ging bis ins Winzigste. Das Blatt erweiterte sich; zum Ernst gesellten sich Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, denen eine Stelle zu gönnen in diesem durchweg zweideutigen Leben kaum irgendein Blatt zu ernsthaft seyn kann. Das damalige ›Kasperle-Theater‹ wurde eine Weile lang von Christian Morgenstern beliefert, der bezaubernde Späße für uns gedichtet hat; Karl Walser ließ seine zart angepinselten Puppen tanzen, und die Zeitsatire machte oft ein Journalist, der im Kriege gestorben ist: Walter Turszinsky, der Scherze von seltener Schlagkraft beisteuerte. Ewigkeitswert hatte das alles nicht, aber Zeitwert, und das ist schon viel. Wir Jungen verschlangen das Blatt, und ich besinne mich noch genau, wie ich jenen Aufsatz ›Der Fall Lanz‹ las, der, wie kaum ein zweiter, in die Seele Siegfried Jacobsohns blicken läßt; ich hätte damals noch nicht gewagt, auch nur einen Beitrag einzureichen und fühlte mich doch schon völlig als zur Familie gehörig – das da ging uns alle an. Welche Grazie! welche Leichtigkeit noch im wuchtigen Schlag! welche Melodie! – alles Eigenschaften, die den Schreibenden bei dem schlechtem Typus des Deutschen höchst verdächtig machen. Den Nobelpreisträger legitimiert der Schweiß.

Was im Blatt stand, das drang weit ins Land – totschweigen half nicht, kreischen half nicht, nach ›Motiven‹ suchen half nicht, denn es waren keine andern da, als nur eines: der niemals zu unterdrückende Drang, die Wahrheit zu sagen. »Ich habe«, sagte S. J. einmal stolz, »mein ganzes Leben immer nur getan, was mir Freude gemacht hat.« Und dieses war seine Freude: zu arbeiten, die Schreibenden zu ermuntern, die Wahrheit zu sagen – auch gegen alle andern, wenns not tat.

So traf ich das Blatt an, als ich im Januar 1913 endlich wagte, einen kleinen Artikel einzureichen. Ich hatte mich im damaligen Herrnfeld-Theater krank und wieder gesund gelacht ... ich versuchte, das aufzuschreiben. Und ich platzte vor Stolz: S. J. ließ mich kommen. Und hat mich dann nie mehr losgelassen.

Er ermunterte mich zu kleinen Versen, von denen ich ihm eine Probe gezeigt hatte; er ›kommandierte die Poesie‹; ich durfte mit ihm manchen Artikel, der dann anonym erschienen ist, zusammenschreiben: welch ein Lehrmeister! Er war unerbittlich, er ließ nicht nach, mogeln galt nicht – es war ein ehrliches Spiel. Es gibt viele Dinge in der alten ›Schaubühne‹, von denen ich heute nicht mehr sagen kann, wer sie eigentlich gemacht hat: er oder ich oder wir beide. Er öffnete mir bei der Arbeit die Kammern seiner Seele. Nur an seine Aktenmappe hat er mich nie herangelassen.

Nun möchte ich mir gewiß nicht nachträglich das Verdienst zuschreiben, aus der Theaterzeitschrift ›Die Schaubühne‹ die politische Zeitschrift ›Die Weltbühne‹ gemacht zu haben. (Den Namen hat, wenn ich recht bin, eine zürcher Zeitung in einer freundlichen Besprechung der ›Schaubühne‹ vorgeschlagen.) Ich baute aber damals meinen Doktor, und mein Repetitor, ein kluger und nachdenklicher Mann, erzählte mir beim Kapitel Handelsrecht, das der liebe Gott segnen möge, viel von der Börse. Witziges, Radikales, Erheiterndes ... »Warum schreiben Sie das nicht?« fragte ich ihn. »Wo sollte ich das schreiben!« sagte er. »Meinen Sie, dass das einer druckt?«

Das hinterbrachte ich Siegfried Jacobsohn, und am 25. September 1913 erschien zugleich mit einem Börsenaufsatz von ›Vindex‹ eine ›Antwort‹:

»K. St. in Helsingborg. Da Sie doch in Ihrem nächsten Brief, getreueste aller Leserinnen, die bange Frage stellen werden, warum und zu welchem Zweck Vindex den Tabaktrust in der ›Schaubühne‹ vornimmt, und ob er sich nicht vielleicht in der Adresse geirrt habe, so sei Ihnen gleich heute gesagt: Wenn hier neun Jahre das Theater und nur das Theater betrachtet worden ist, so habe ich damit noch nicht das Recht verwirkt, einmal andre Dinge betrachten zu lassen und zu betrachten. Ein Feld abgesondert von allen andern zu beackern, hat seine Reize, seine Vorteile, aber auch seine Gefahren. Es gibt hundert Zusammenhänge mit den andern Feldern, die auf die Dauer doch nicht außer acht gelassen werden dürfen. Wir können uns nicht entziehen, wenn der Reichsbankdiskont hinaufgesetzt wird, und letzten Endes hängen wir alle an Fäden, die in der Burgstraße zusammenlaufen. An feinen Fäden, die wir nicht immer sehen. Aber gerade deswegen sollten wir sie sorgfältig ansehen, sollten wir lernen, wie es auf der Welt zugeht. Denn schließlich sitzt im Theater, dessen Bühne wir seit neun Jahren zu säubern versuchen, auch ein Publikum, von dem hier noch zu wenig gesagt worden ist. Jetzt also wollen wir öfters das Fenster des Arbeitszimmers öffnen, ein wenig hinausblicken und Ihnen dann berichten, was es draußen gibt – liebste aller meiner Leserinnen.«

Damit hats angefangen. S. J. hatte immer den Flair für seine Zeit.

Sein Mitarbeiterkreis dehnte sich aus. Er hatte seine Lieblinge. Primus war Alfred Polgar, ohne den in der Theatersaison keine Nummer denkbar war, und das Wunder erfüllte sich: diese grundsätzlichen Theaterbetrachtungen aus Wien interessierten die Berliner, weil es hier nicht um ein Fräulein Pospischill, sondern um die Sache des Theaters, um die Sache der Kunst ging – diesen Polgar hat S. J. wohl am meisten von uns allen geliebt, und mit Recht.

Dann war da Harry Kahn, der am längsten von uns allen dabei ist. S. J. hat ihn den »Samumisten« genannt, oder er sich selber ... ? Sein Temperament fegte denn auch dem Wüstenwind gleich durchs Blättchen; es gibt da herzerfrischende Polemiken, wie die gegen den seligen Kasimir Edschmid, eine prachtvolle Leistung. Herbert Ihering ist hier mit seinen ersten Theaterkritiken hervorgetreten; Ferdinand Hardekopf gab mit Puder gezeichnete Pastells; Peter Altenberg war in fast jeder Nummer zu finden.

Das Theatergeschäft, die wirtschaftlichen Grundlagen dieses eigenartigen Betriebes wurden beleuchtet; die Herren hätten gern im Dunkel gearbeitet, sehr lieb ist ihnen diese öffentliche Kritik nicht gewesen. Die Börse ... die Bodenspekulation ... die Mode ... und immer mehr die Politik ... So bis zum 1. August 1914.

S. J. saß damals in seinem geliebten Kampen, wo sie ihn beinah festgehalten haben; von dort aus schrieb er sein kleines Kriegstagebuch ›Die ersten Tage‹, das sehr lehrreich für die Stimmung jenes Unglücksmonats ist. Dann kam er nach Berlin. Seine erste Aktion erstreckte sich auf das Theater: er empfand es als eine Kulturschande, mit welch rohen Kriegspossen die berliner Bühnen ihren Kassierern und einer Zeit gerecht zu werden versuchten, die S. J. aus dem Gefühl innerer Sauberkeit überschätzt hat: die Possen waren für diesen Krieg grade richtig. Und es ist nur konsequent gewesen, dass das Oberkommando den kulturellen Mahner als unbequem und die patriotischen Juchzer (»Landsturm mit Waffe – mit Knarre und mit Affe«) als recht angemessen empfunden hat.

Das Blatt lavierte durch den Krieg, an Verboten vorbei, durch die Papierrationierung, und, mit einer Ausnahme, schwieg es da, wo es nicht sprechen konnte. Keine Nummer wäre erschienen, wenn gesagt worden wäre, was zu sagen war. Was mich angeht, so schwieg ich fast drei Jahre.

Im Sommer des Jahres 1918 wurde die ästhetische Stille, die bis dahin gewaltet hatte, prickelnd unterbrochen. Als ich meine ersten Arbeiten aus Rumänien schickte, hätte ich nie geglaubt, dass sie gedruckt werden könnten. Aber irgend ein Instinkt sagte mir: Es ist Zeit. Es ist Zeit. Es ist Zeit. Ach, es war gar nichts vom ›Dolchstoß‹ zu spüren ... hätten wir nur –! Doch schien sich zu Hause manches gelockert zu haben, die Gewalthaber waren unsicher geworden, und das nutzten wir aus. Ich begann zuzuschlagen, erst sanft, dann stärker, immer stärker, andere folgten ... S. J. riskierte das. Dann strudelte der November über uns zusammen.

Die Rolle des Blattes in der Nachkriegszeit ist bekannt.

Vom 1. April 1918 hießen wir nicht mehr ›Die Schaubühne‹, sondern ›Die Weltbühne‹, und ich glaube, dass wir diesen Namen gerechtfertigt haben.

Zunächst galt es, die vier Jahre erzwungenen Schweigens nachzuholen. Ich begann mit einer Artikelserie ›Offizier und Mann‹, und nun ging es los. Die Wirkung war beispiellos. Broschüren und Bücher erschienen gegen uns; das Blatt war so verhaßt, wie es beliebt war, und das wollte etwas heißen. S. J. lebte auf – in diesen Jahren hat er seine Meisterprüfung als Redakteur abgelegt, wenn es einer solchen noch bedurft hätte. Von allen Seiten strömten ihm das Material und die Menschen zu; er sichtete, verwarf, nahm an und holte immer neue Leute in seinen Kreis. Offiziere, die niemals eine Seite hatten drucken lassen, gaben ihm Informationen und stellten ihm ihre Erinnerungen zur Verfügung; von der Wirtschaft berichtete mit Felix Pinner unser Morus; die Zeitkritik flammte.

Mit Morus tat sich S. J. erst sehr geheimnisvoll. »Du wirst ja sehen ... « sagte er. »Wer ist es denn?« Tiefes Geheimnis. Ein Arzt? Ein Journalist? Nun, ich sah: dass hier nämlich einer den sonst so trocknen und nur für die Besucher der Burgstraße lesbaren Handelsteil so amüsant, so lebendig und so schonungslos witzig gestaltete, dass seine Artikel zugleich mit denen Jacobsohns wohl am meisten gelesen worden sind und gelesen werden.

Das Theater ließ Jacobsohn nie außer acht, nun grade nicht, nun grade nicht. »Verbiete du, dem Seidenwurm zu spinnen«, sagte er, wenn ich zweifelte. Erst in den allerletzten Jahren hat das nachgelassen: »Wozu soll ich etwas mit Liebe betrachten, was ohne Liebe gemacht ist«, pflegte er zu sagen. In diesen Nachkriegsjahren hat die ›Weltbühne‹ in Deutschland gute Reinigungsarbeit getan.

Wir haben uns einige Male den tragischen Spaß gemacht – nach dem Kapp-Putsch, nach der Ermordung Rathenaus –, unsre Voraussagen zusammenzustellen: es war erschreckend. Was die Berufspolitiker, diese berufsmäßig Blinden, mit wegwerfendem Pusten durch die Nase abzutun geglaubt hatten, das war fast immer blutige Realität geworden; wir hatten traurig Recht behalten. Jene wußten viel mehr Einzelheiten als wir, aber sie fühlten nichts. Am Zeigerblatt der ›Weltbühne‹ kann man die Geschichte der Nachkriegszeit ablesen.

S. J. ließ nicht nach. Am 18. August 1925 erschien die erste Veröffentlichung über die Feme-Morde, eine Aktion, die heute noch nicht ganz abgeschlossen ist; Carl Mertens hat hier eine mutige Tat getan, für die wir ihm alle dankbar sind. Er hat sie damals nur tun können, weil S. J. den Kopf hinhielt. Er hat ihn für seine Leute immer hingehalten, für sie und für die Sache, die sein Leben gewesen ist.

Am 3. Dezember 1926 ist er gestorben. Carl von Ossietzky, der schon am 20. April 1926 zum Blatt gekommen ist, und ich halten sein Erbe in Händen. Wir können es nur in Händen halten, weil der Verlag der ›Weltbühne‹ einen Fall statuiert hat, der mir selten zu sein scheint. ›Der Verlag‹ ist die Frau unsres S. J. Das Blatt hat unter ihr seine Tradition gewahrt: es ist frei geblieben.

Frei wozu, wissen wir. Aber frei wovon ... ?

Die ›Weltbühne‹ hat immer zwei gewichtige Gegenpole gehabt: die Parteien und die große Presse.

Was die Parteien angeht, so ist der Deutsche gern da individualistisch, wo es das zu sein sich gar nicht verlohnt, und da kollektivistisch, wo andre ihr Privatherz zu sitzen haben. Er verlangt gern von ›seinem‹ Blatt, dass es ›Farbe bekennt‹.

Nun, die ›Weltbühne‹ ist zunächst nicht ein Blatt, das vom Leser redigiert wird. »Sie haben nur ein Recht: mein Blatt nicht zu lesen«, sagte S. J. Und schrieb einst an einen verdienten Mann, der in einer Gefühlsaufwallung die ›Weltbühne‹ abbestellte: »Da verlieren Sie mehr als ich.« So sehr wir mit der Leserschaft in Verbindung stehen: wir haben ihr niemals das Recht eingeräumt, durch Druck oder Drohung, durch Empfehlung oder Anwendung jener legendären ›Beziehungen‹ unsre Haltung zu beeinflussen. Ich für mein Teil kann aufhören, zu schreiben – aber ich könnte, solange ich schreibe, es nicht nach dem Diktat eines Verlegers tun. »Dies«, sagte der Verleger, der seine Zeitung verkaufen wollte, »ist der Maschinensaal ... hier sind die Verlagsräume ... sehen Sie, das ist die Expedition ... hier ist die Anzeigenannahme – und das da, ach Gott: das ist bloß die Redaktion.«

Das Blatt ist unabhängig geblieben, und wenn wir Fehler machen: dann machen wir wenigstens unsre Fehler.

Also nicht die von Parteien.

Farbe bekennen –? Wie verblaßt sind diese Farben, wie vermischt, wie verschmiert mitunter! Und es ist seltsam, dass in den allermeisten Fällen die Forderungen der Parteibonzen, fügten wir uns ihnen, negativ bleiben. Sie wissen genau, was wir nicht sagen dürfen – aber mit dem Positiven ist es dann recht im argen, wenn man davon absieht, dass jemand uns verpflichten wollte, verblasene Parteiprogramme aufzusagen, mit denen wir nichts anfangen könnten und unsre Leser auch nicht. Es ist eine Anmaßung, in geistigen Dingen den dort Beschäftigten Kategorien vorzuschreiben, und die Frage: »Sind Sie für oder gegen die Calvinisten?« kann auch so beantwortet werden, dass sie gar nicht beantwortet wird.

Der alte Vorwurf »Partei! Partei!« ist hierin nicht enthalten. Wie denn anders soll eine Partei im Kampf der Wirklichkeiten kämpfen, wenn nicht mit einem festen, also stets etwas starrem Programm? Das Bedauerliche im deutschen Parteileben ist höchstens darin zu suchen, dass diese Programme mit wenigen Ausnahmen so vieldeutig und verschwommen sind, dass man mit ihnen nichts beginnen kann. Es führt aber notwendig zu einer Verengung des geistigen Horizonts, wenn die Parteien den Maßstab ihres Dogmas nun auch an Leistungen legen, die zunächst auf dem Felde des Geistes getan werden. So reich ist keine Parteilehre – nicht einmal die katholische –, dass nicht nach kurzer Zeit eine Beschränkung, eine Borniertheit der wohl behüteten frommen Schäflein zu spüren wäre ... Daher werden hier keine Wahlparolen ausgegeben: wir sind nicht die praeceptores Germaniae, und Freiheit ist auch eine schöne Sache.

Denn es ist nicht nur ein sittliches Gebot, ›zu sagen, was ist‹ – es ist auch eine Temperamentsfrage. Bei der allgemeinen Verschmuddeltheit, bei jener unfaßbar leisen Korruption des deutschen Lebens, das den einzelnen Zeitungsmann nicht mit großen Summen, sondern mit einem Schulterklaps und einer Zigarre, einer Einladung zum Abendessen und der schmeichelhaften Anerkennung einer Macht besticht, die fast nie ausgenützt wird, braucht die Zeit ein Ventil, durch das der Dampf entweichen kann. S. J. hat einige Male den Idealfall erreicht: das Blatt mit Arbeiten zu füllen, die hier und nur hier stehen konnten. »Man muß protestieren.«

Nun ist der Einwand der Parteidogmatiker: »Was soll das? Wozu kann das führen?« nicht ganz von der Hand zu weisen. Es besteht in der Tat die Gefahr des Leerlaufs, und zwar des doppelten: beim Autor, der sich an der stilistisch saubern Leistung wie an einem Selbstzweck erfreut, und beim Leser, der die Arbeit schmunzelnd liest: Der hats ihm aber ordentlich gegeben! Dabei bleibt es mitunter; in diesem bösen Fall stellt die ›Weltbühne‹ den moralischen Verdauungsschnaps braver Bürger dar, die für die Abteilung ›Gutes Gewissen‹ das Blatt abends nach Geschäftsschluß lesen. Das wäre keine Wirkung – da ist nur ein Effekt.

Wodurch aber wirken wir?

Ein kleines Blatt hat seiner Konstruktion nach nicht jene Bindungen, unter denen die große Presse zu ihrem Schaden zu leiden hat.

Was bei der Mehrzahl der deutschen Zeitungen, nämlich bei den Provinzzeitungen, angerichtet und vor allem verhindert wird, das weiß nur der, der dort einmal einem Umbruch beigewohnt hat. Der Redakteur ist so gut wie machtlos, wenn er nicht dem Druckereibesitzer oder dem Vertreter des die Zeitung beherrschenden Konzerns in die Seele kriecht: dann darf er tun, was er will, weil er das will, was der Direktor täte. Die Reihe der Rücksichten reißt nicht ab: die auf die Inserenten (vom Standpunkt dieser Blätter aus verständlich); die auf die Empfindlichkeit der Bürger (unverständlich – weil denen, wenn man es geschickt anfängt, Mut imponiert); Interessentenverbände ohne Zahl ... Was da alles ›nicht gebracht werden kann‹ – die Herren haben es nicht leicht.

Das liegt zum Teil daran, dass sie ihren Einfluß so unendlich überschätzen.

Welchen Einfluß hat zunächst die ›Weltbühne‹? Soweit ich das im Laufe von siebzehn Jahren zu beurteilen gelernt habe: einen mittelbaren. Durch tausend Netzkanälchen laufen aus dieser Quelle Anregungen, Formulierungen, Weltbilder, Tendenzen und Willensströmungen ins Reich – wir folgen hier ganz und gar S. J., der niemals übel genommen hat, wenn man ihn benutzte, nachdruckte, ja sogar ausplünderte: »Wenn nur das Gute unter die Leute dringt.« Und es gibt heute schon eine Reihe vernünftiger und mutiger Provinzredakteure, unter denen ich Walther Victor in Zwickau einmal obenan nennen möchte, sie fangen nicht ohne eignes Risiko die Bälle auf, die von hier aus geschleudert werden, und geben sie weiter.

Hier mußten sich also die Wege, die zur großen Presse führen, von den unsern trennen.

Welchen Einfluß hat nun diese große Presse?

Ich glaube: kulturell einen ungeheuren; politisch einen viel, viel kleinern als sie denkt. Das sieht man zunächst an den umsonst ausgegebenen Wahlparolen, die von dort kommen – sie werden kaum beachtet. Macht? Wird denn von den Verlegern Macht auch nur gewollt? Sie haben es ganz gern, wenn man diese Macht bei ihnen voraussetzt und respektiert; angewandt wird sie fast nie. Sie wird in Rechnung gesetzt. Und da steht sie denn.

Wer also hat die Macht –?

In Amerika sind es die großen und kleinern Verbände, deren Masse in Washington auf die prompt funktionierenden Politiker drückt. In Frankreich ist es die Klubatmosphäre der Ministerien und der beiden Kammern, die das Geschick des Landes bestimmt, gemischt ist diese Atmosphäre aus den wirtschaftlichen Interessen und einer mit ungeheuerm Raffinement gemachten Personal-, Klatsch- und Intrigen-Politik. Das Land kocht die Suppe, in Paris wird sie zubereitet. Im dezentralisierten Deutschland liegt es anders.

Die Begleitmusik der Presse hat dabei die vierte Stimme. Ich möchte sonntags einmal das sein, was der Außenpolitiker eines großen Blattes sich wochentags zu sein einbildet. Dabei liest man ihn, aber man folgt ihm nie.

Die vier Großmächte des Landes: Landwirtschaft, Industrie, Heer und Kirche teilen sich in die Gewalten; daran kann zur Zeit keine Presse etwas ändern. Und es ist ja sehr bezeichnend, dass die Zeitungen dieser Gruppen, wie etwa die ›Germania‹ hauptsächlich von Berufspolitikern und nur daraufhin gelesen werden, ob man ihren bewußt faden und farblosen Artikeln etwa ansehen kann, wie der Fraktionsvorstand über dies und jenes denkt, und was die eigentlichen Macher der Parteien nun wirklich wollen.

Der Weg, diese bereits vorhandene Machtposition durch die künstlich herbeigeführte Zustimmung der Herren Wähler zu untermauern, führt über hundert Korrespondenzen, über den Maternversand und vor allem über die Nachrichtenagenturen, die noch aus einem Ausbruch des Vesuvs eine Apotheose des Faschismus machen. Der Redakteur macht dann den Umbruch und die Schlagzeile.

Hiermit wollen wir nicht konkurrieren.

Ein Teil unsrer Freunde ist mit der großen Presse personaliter verbunden, wie das ja bei Schriftstellern gar nicht anders sein kann. In den meisten Fällen erwächst den Beteiligten daraus kein Schaden: in den großen demokratischen Zeitungen und in denen der Mitte liegt das geistige Niveau so hoch, daß, wo gekämpft wird, mit geistigen Waffen gekämpft wird, und nur die kleinern bevorzugen die dümmste Taktik: unsre Arbeit zu verschweigen. Sie lesen uns alle – aber sie sagens nicht. Feierstunde der Redakteure.

Sicherlich hat die ›Weltbühne‹ Anständigkeit und Unabhängigkeit nicht gepachtet. Die kindliche Zeitungsgewohnheit, so zu tun, als sei man mit seinem Blatt ganz allein auf der Welt, und den Leser um Gottes willen nicht wissen zu lassen, dass es auch noch andre vernünftige und tapfre Leute gibt, haben wir nie mitgemacht. Man kann in vielen Fällen widereinander streiten, wenn es die Sache erfordert – die Zeit der Literaturpolemik alten Stils ist vorüber.

Immerhin haben wir auf unserm Gebiet vor den großen Blättern eines voraus: die Freiheit.

Auch eine Wochenschrift hat ihre Traditionen und ihre moralischen Gebundenheiten, ihre Freundschaften und ihre Feindschaften. Aber erstens sind die hier der Zahl nach, absolut und relativ, kleiner als anderswo, und zweitens kann ich mich auf keinen Fall besinnen, wo wir aus jenem flauen Gefühl: ›Das kann man doch nicht ... ‹ geschwiegen hätten. Wenn uns S. J. nichts vererbt hätte: seine Zivilcourage haben wir von ihm übernommen.

Sie wirkt sich aus.

Unsre Auflage auf die von ›Westermanns Monatsheften‹ zu bringen, wäre nur möglich durch die Umwandlung des Blattes in eine wiener Hauspostille. Unser moralischer Wirkungskreis ist erfreulich groß; der merkantile ständig im Wachsen. (Er ist heute weit größer, als er jemals unter S. J. gewesen ist; die Zeit braucht solche Blätter.) Ich mag das Spiel nicht mitspielen, das darin besteht, die eigne Leserschaft für die Aristokratie des Geistes zu erklären, eine billige Art der Abonnentenwerbung. Aber es sind gute Leute unter denen, die in jeder mittlern und kleinen Stadt die ›Weltbühne‹ lesen – sie haben sich zum Glück noch kein Knopfloch-Abzeichen ausgedacht, das sie tragen, doch könnten sie sich in jedem Gespräch erkennen. Durch Unabhängigkeit des Urteils; durch Sinn für Humor; durch Freude an der Sauberkeit.

Und durch einen Glauben an die Sache, der auch bei uns unbeirrbar steht.

Jedes Blatt hat seine Lücken, seine Versager, seine schwachen und seine starken Zeiten. Eins aber ist sicher:

Solange die ›Weltbühne‹ die ›Weltbühne‹ bleibt, solange wird hier gegeben, was wir haben. Und was gegeben wird, soll der guten Sache dienen: dem von keiner Macht zu beeinflussenden Drang, aus Teutschland Deutschland zu machen und zu zeigen, dass es außer Hitler, Hugenberg und dem fischkalten Universitätstypus des Jahres 1930 noch andre Deutsche gibt. Jeder Leser kann daran mitarbeiten.

Tut er es in seinem Kreise durch die Tat: es ist unser schönster Lohn. In diesem Blatt sind wir frei und sind wir ganz; auch uns ist die ›Weltbühne‹ im Andenken an Siegfried Jacobsohn: »unser geronnenes Herzblut«.

 

 

Kurt Tucholsky

Die Weltbühne, 09.09.1930, Nr. 37, S. 373.





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