Aus Moskau zurück


Der deutsche Kriegsberichterstatter, in Vollbart und Knollenhosen, vor die erheblich gefüllte Latrine des Infanterieregiments Nr. 62 geführt, nickte bewundernd mit dem Kopf und sprach: »Das macht uns keine Nation nach! Hier ist echter Preußengeist!« Der deutsche Kriegsberichterstatter war dressiert, aus jeder belanglosen Einzelheit die von der OHL gewünschte Universaltendenz zu folgern: Deutschland in der Welt voran!

Es gibt auch Kriegsberichterstatter mit umgekehrtem Vorzeichen.

Alfons Goldschmidt hat Rußland besucht und seine Eindrücke schriftlich niedergelegt. ›Moskau 1920‹ (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin), Alfons Goldschmidt ist ein anständiger, ehrlicher und völlig unbestechlicher Börsenkritiker, ein Mann, der sich auf wissenschaftlichen Grundlagen zum Kommunisten entwickelt hat, in den letzten Jahren eine erfreuliche und erfrischende Erscheinung unter den deutschen Nationalökonomen, Ein Mann von einer fanatischen Offenheit, ein glühendes Temperament und immerhin ein Kerl.

Goldschmidt ist einer der ersten Journalisten gewesen, die in Deutschland ihre russischen Erlebnisse in die Buchform gebracht haben; er war der größten Aufmerksamkeit gewiß. Er muß also auch gewußt haben, welche Verantwortung er als Verfasser des ersten populären Buches über Rußland trägt.

Dieses Buch war in seinem Kopf vor der Reise fertig.

Dieses Buch konnte gar nicht anders geschrieben werden, als es geschrieben worden ist: denn Goldschmidt glaubt an Lenin, wollte an ihn glauben, und wir alle sehen ja nur, was wir sehen wollen. Mehr nicht.

Der Vorwurf des Stammtisches, ein solches Buch sei tendenziös, ist unsinnig. Jedes Buch ist tendenziös. Wir müssen nur mit offenen Augen lesen. In diesem verrotteten Land der antibolschewistischen Liga, der großindustriellen Wirtschaftsorganisationen, die, statt die Not im eigenen Lager zu lindern, Millionen und Millionen zur Bekämpfung von sozialen Reformen ausgeben, schadet es nichts, wenn ein aufrechter Mann die große, nun einmal vorhandene Leistung Lenins und der Seinen anerkennt. Das Erbe sei ihnen in den Schoß gefallen, sagen sie. So einfach war es nicht. Daß da drüben, besonders im Anfang, besonders im Destruktiven (was nur die andere Seite des Konstruktiven ist) wirklich etwas gemacht worden ist, steht außer Zweifel. Ein Mann wie Goldschmidt durfte mit der Erwartung hinüberreisen, in das Land seiner Träume zu kommen – aber er hatte die Pflicht, mit den Augen zu sehen und nicht nur mit dem Herzen. Das hat er nicht getan.

»Wir warten drei Stunden am Nicolaibahnhof und betrachten die Mädchen, die an der Säuberung des Schienengeländes und an den Waggons lächelnd arbeiten. Mädchen darunter in Samtkleidern, mit guttuchigen russischen Kopfbedeckungen, mit Handschuhen und mit gepflegten Nägeln. Sie reinigen den Bahnhof von Müll. Es ist keine liebliche Arbeit, aber sie amüsieren sich dabei. Ich beobachte eine Stunde lang fünf Mädels, wunderhübsche, knallbackige darunter. Sie schieben pustend einen müllgefüllten Waggon. Eine mit roter Blume im schwarzen Haar und rotem Gürtel um die Samttaille. Eine andere fegt Treppe und Vorhof des Bahnhofs. Sie ist pelzumschlungen.« Das ist haargenau die Betrachtungsweise des Kriegsberichterstatters, der so herzerfrischend die Arbeit der andern zu schildern wußte. Und er?

Goldschmidt ist kein ›Tendenzhalunke‹. Ein paarmal sieht er doch, was los ist: er sieht das reparaturbedürftige Moskau, er sieht die Kleidernot, die Unmöglichkeit, dass sich der Arbeiter von seinem Gehalt Straßenkleidung kaufen kann, er sieht wie ganz Moskau schiebt, schiebt, schiebt – aber er stellt freundlich und kurz die Erklärung dahinter: es ist alles in bester Ordnung!

Welch ein Reich! Es gibt wenig zu essen, es gibt fast nichts anzuziehen, es wird in klarer nationalistischer Tendenz Krieg geführt – aber dies alles ist offiziell, dies alles kann umgangen werden, und wenn man dem Autor die Augen verbunden, ihn ein paarmal um seine eigene Achse gedreht und ihm dann gesagt hätte, er befinde sich in Deutschland, so hätte er wohl den ganzen Laden erheblich ›verschweint‹ gefunden.

Es ist reizend, wie er sich bemüht, aus den geringsten Kleinigkeiten etwas für Rußland herauszulesen. Daß ein Mehltransport von 18 Wagen nicht überfallen wird, scheint ihm eine Großartigkeit. Die Fabriken sind in der besten Ordnung, sie triefen von Öl, haben Schutzvorrichtungen und werden wundervoll verwaltet. Nur Kohlen haben sie leider nicht. Reizend, wie er tiefste Rasseneigentümlichkeiten mit einem Reglementsvorschlag verwischen zu können glaubt. Er spricht von der liebenswürdigen Unpünktlichkeit der Slawen. »Das muß raus aus den Russen, sonst werden sie noch allerhand Peinlichkeiten erleben.« Das wird sich ihr Blut gesagt sein lassen.

Er hat die maßgebenden Leute in Moskau der Reihe nach aufgesucht. Was hat er nun schließlich gesehen? Was erfahren wir? Eigentlich nur, dass die Leute Bärte haben oder keine, dass dort telefoniert wird, dass Menschen im Vorzimmer warten und dass einer einen Lederanzug trägt und einer ein weißes Russenhemd mit roter Stickerei, Und wir blättern und blättern: Ja, was organisieren denn diese Leute eigentlich? Ist überhaupt noch etwas da zum Organisieren? Ist die neue Geistesrichtung wirklich ins Volk gedrungen? Wie tief? Was sagt das ungeheure weite Land zu den zwei Großstädten? Wie sind die Transportverhältnisse für die Landwirtschaft? Werden überhaupt noch Güter ausgetauscht? »Das Telefon ruht nicht. Oft arbeitete Plawnik mit zwei Telefonen auf einmal, mit dem Ferntelefon und dem Haustelefon. Man sah: hier war, hier wurde Organisation.« Das wäre also der Bolschewismus.

Es ist bitter, einem so verdienten Manne, wie Goldschmidt es ist, sagen zu müssen, wie er seine Aufgabe verfehlt hat. Vor allem: er kann nicht russisch. Die Sache ist viel zu ernst, als dass man die Reden der russischen Arbeiterführer nach ihrer Koloratur kritisieren kann. Das Ganze wirkt ... Ich werde es mal vormachen.

»Auf dem Theaterplatz in Moskau steht eine Rotunde. Eine runde Rotunde. Eine freundliche Rotunde. Eine glückverheißende Rotunde. Du trittst ein. Da steht eine Frau, Eine weise Frau. Eine politische Frau. Lieblich dabei. Du kündigst ihr dein Begehren an. Sie lächelt. Wie nur Lenins Genossinnen lächeln können. Mit unnachahmlichem Schwung wischt sie das Sitzbrett. In keiner Hauptstadt Europas habe ich einen solchen Schwung gesehen.

Nachher frage ich sie aus. Sie hat früher Großfürsten gedient. Kosakengeneralen. Einmal dem Leibadjutanten des Zaren. Vorbei. Sie entwickelte mir ihre Pläne. Wir arbeiteten zwei Stunden zusammen. Sie hat alle Kehrseiten des Lebens kennengelernt. Sie weiß, dass Proletarier nicht immer anders aussehen als die Reichen, die Kapitalaufhäufenden, die Bankauf-bauer, die Großfressen. Sie stand am Wasserzug und demonstrierte. Ich sah nun die drängende Wirtschaft, das nach Ordnung drängende Chaos, ich sah die Menschen in diesem Chaos, ich sah das Geld in diesem Chaos, das flüchtende und verlorene Geld. Ich sah die Eiligen und die Bremser, die Verstopften und die Läufer, die Woller und Nichtwoller. Alles durch die Rotundenfrau.

Der Besuch in ihrem Proletarierpalast kostet heute 125 Rubel. Daran stoßen sich nur Quantitätsidioten. Wenn ihr nach Moskau kommt, versäumt nicht, diese zierliche, diese jungfräuliche Rotunde aufzusuchen. Es wird inzwischen 250 Rubel kosten. Aber das schadet nichts.

Ich trat heraus. Der Himmel blaute. Ein Falter gaukelte vorbei. Eine Schwalbe strich. Spatzen lärmten. Die Sonne schien. So sah man überall den Einfluß Lenins.«

Bitter, aber wahr. Weiß Goldschmidt nicht, was er mit solchen Dingen anrichtet? Wäre es nicht viel besser, offen zu sagen, dass die da drüben durchaus noch nicht so weit sind? Es scheint sehr viel Mut dazu zu gehören.

In dem Buch steht einmal am Schluß eines Kapitels, das ein proletarisches Meeting schildert: »Beim Ausgang sagte jemand hinter mir: Das ist sicher ein deutscher Genosse, der kriegt die Pfeife nicht aus dem Maul.« Ich möchte das Wort abändern: Das ist sicher ein deutscher Genosse, der kriegt den Idealismus nicht aus dem Hirn.

 

 

Ignaz Wrobel

Freiheit, 13.10.1920.





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