Monolog mit Chören


Ich bin so menschenmüde und wie ohne Haut.

Die andern mag ich nicht – sie tun mir wehe.

Wenn ich nur fremde Menschen sehe,

lauf ich davon – wie sind sie derb und laut!

Ich bin so müde und wie ohne Haut!

(Chor der Arbeitslosen): Das ist ja hervorragend interessant, Herr Tiger!

 

Ich spinn mich selig in die Schönheit ein.

Schönheit ist Einsamkeit. Ein stiller Morgen

im feuchten Park, allein und ohne Sorgen,

durchs Blattgrün schimmert eine Mauer, grau im Stein.

Ich spinn mich selig in die Schönheit ein ...

(Chor der Proletariermütter): Wir wüßten nicht, was uns mehr zu Herzen ginge, Herr Tiger!

 

Ich dichte leis und sachte vor mich hin.

Wie fein analysier ich Seelenfäden,

zart psychologisch schildere ich jeden

und leg in die Nuance letzten Sinn ...

(Chor der Tuberkulösen): Sie glauben nicht, wie wohl Sie uns damit tun, Herr Tiger!

 

Ich dichte leis und sachte vor mich hin ...

 

(Alle Chöre): Wir haben keine Zeit, Nuancen zu betrachten!

Wir müssen in muffigen Löchern und Gasröhren übernachten!

Wir haben keine Lust, zu warten und immer zu warten!

Unsre Not schafft erst deine Einsamkeit, deine Stille und deinen Garten!

Wir: Arbeitslose, welke Mütter, Tuberkelkranke wollen heraus

aus euerm Dreck in unser neues Haus!

Wir singen auch ein Lied. Das ist nicht fein.

Darauf kommts auch gar nicht an. Und wir stampfen es euch in die Ohren hinein:

 

Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

Erkämpft das Menschenrecht –!

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 25.08.1925, Nr. 34, S. 299,

wieder in: Mit 5 PS.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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