Ludwig Thoma


Dieser gute alte Mann hat seine ›Erinnerungen‹ veröffentlicht (bei Albert Langen in München). Und ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal so über ihn, dessen Bild jahrelang in meiner Stube hing, würde urteilen können.

Der Gesamteindruck des Büchleins ist: Welch ein Spießer! Das also ist der Mann, der im Gefängnis sitzen mußte, weil er das Heiligste, wo der Deutsche hat, beleidigt haben sollte – das ist der Mann, der in den kleinen Städten fast so etwas wie ein Bürgerschreck gewesen ist? Es ist derselbe, wenn wir uns entsinnen, dass auch die Angegriffenen oft genug über ihn geschmunzelt haben – was hierzulande als Vorzug eines Satirikers gilt; lindert doch der ›goldene Humor‹ die schlimmsten Wunden. Das also ist der Bubu?

Er hat viele Menschen in seinem langen Leben kennen gelernt; er ist im Ausland gewesen und hat mit ›Namen‹ gesprochen – aber nichts ist haften geblieben. Was hat dieser Biertrinker bei Rodin empfunden? Was bei Dichtern wie Keyserling? (Man lese die kümmerlichen Charakteristiken im Buche. Man lese sie lieber nicht.) Was hat dieser Mensch überhaupt empfunden?

Er liebt seine Heimaterde. Das ist schön. Wer so am Boden hängt, taugt – wenigstens – partiell etwas. Aber braucht deshalb noch kein großer Kerl zu sein.

Thoma ist es gewiß nicht. Ob sich die Nachricht noch bewahrheiten wird, dass der ›Simplicissimus‹ von nationalistischen Geldverdienern gekauft ist, weiß ich nicht. Er wäre damit mundtot gemacht – das wäre der einzige Nutzen dieses Kaufs. Aber es war ein überflüssiger Kauf – denn er war ja seit dem August 1914 so national, wie man es bei der Schwerindustrie nur wünschen konnte, ja, er war sogar perfid national, weil er sich immer noch oppositionell gab. Der Wortführer dieser umgefallenen Zeitschrift war Thoma. Er hätte über sich selbst im Kriege (zehn Jahre vorher) ein schönes Gedicht geschrieben ...

Gut sind die negativen Urteile über den berliner ›Betrieb‹. Gut ist die Ehrlichkeit der Empfindung, wenn es sich um seine nähere Umgebung handelt. Wir gönnen ihm einen freundlichen Lebensabend und wünschen ihm viel Glück auf Erden. Aber welch ein Spießer! (Und wir haben ihn doch einmal, hols der Teufel, lieb gehabt, und er war auch – damals – ein Künstler und ein Polemiker und stellenweis ein Satiriker, dem mein guter Freund Kaspar Hauser nicht das Schlechteste verdankt ... ) Und jetzt?

Welch ein Spießer!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 19.02.1920, Nr. 8, S. 254.





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