Kritik mit Nachsatz


›Benarône‹ heißt eine entzückende kleine Geschichte von Arnold Zweig (im Roland-Verlag zu München erschienen). Das liest man mit großer Freude und unter beständigem Schmunzeln. Es ist eine Schulgeschichte. Nun ja, Onkel Thomas Mann blickt segnend hernieder (ohne den großen Schulvormittag aus den ›Buddenbrooks‹ wäre das nie geschrieben worden), auch Hesse hat nicht umsonst gelebt – aber der Spaß ist reizend und fein erzählt und, wie immer bei Arnold Zweig, in den kleinen Einzelheiten unerhört echt. Die Landschaftsschilderung am Anfang ist ein Meisterstück. Architektur ist nie erstarrt, sie ist Leben, bewegtes Leben, man muß sie nur zu sehen verstehen. Und dann hebt es an: der Schüler Bastmayr läßt sich von stud. phil. Benarône den gefährlichen Aufsatz über Automobile machen, den er nicht allein zustandebringt, lernt ihn auswendig, wird beinahe geklappt, von eben dem Benarône herausgepaukt – und der übermütige Student scheut sich nicht, den ganzen Indianerfeldzug bei der Mulus-Kneipe auszuplaudern. Kein Mensch glaubt es ihm, alle lachen über die famos erfundene Geschichte, und mit einer süßen kleinen Spitzweg-Idylle schließt das Werkchen. Es ist alles meisterhaft komponiert: was der Dichter später braucht, ist ganz leise, scheinbar unabsichtlich in den Fluß der Geschichte eingeschoben, entzückende kleine Einzelheiten, die gar nichts zur Sache tun, unterbrechen angenehm den leisen Strom der sanft dahinrauschenden Prosa. An einer Stelle habe ich ein bißchen gestockt: das ist da, wo der gutgläubige Direktor von dem Schelm Benarône getäuscht wird – mir ist der Direktor zu gutgläubig, beinahe zu dumm. Und das wirkt nicht. Betrug wirkt in Geschichten nur, wenn der Betrogene gleichfalls ein schlauer Fuchs ist. (Warum, weiß ich nicht. Aber es ist so.) Was will das aber sagen gegenüber den zahllosen eingestreuten Späßchen und kleinen Scherzen und dem Augenblinzeln, das da immer verrät: Wir wissen doch ... Das ist so eine Eigenart Zweigs: zuerst gleitet das Auge leicht über ein paar Adjektiva weg, gleichmütig, denn sie scheinen ihm selbstverständlich, aber plötzlich irrt es zurück: was hat er gesagt? Und dann schmunzelt man, weil man auf diesem Wege eine Wahrheit oder einen Spott oder eine kleine Ironie einfiltriert bekommen hat. Ein Schulbeispiel: Benarône erzählt seinem kleinen Mädchen etwas von einer wichtigen Arbeit, deren Erlös ein neuer Sommerhut für sie werden soll, um sie von einem ihm lästigen Ausflug abzubringen. Die Geschichte hat einen kleinen Haken – aber das Mädchen glaubts. Dann: »Benarône dehnte seine Arme. ›So!‹ sagte das Mädchen und stand auf, erlöst, betrogen und beglückt.« Dies ›betrogen‹ merkt man erst spät. Betrogen? sagt man verwundert. Und dann, verstehend und schmunzelnd: Betrogen – ja ja ... So ganz am Schluß dachte ich mir mißtrauisch, so könne das nicht aufhören, es komme doch sicherlich noch irgend etwas, ein kleiner Dreh – und richtig, in den letzten Zeilen, die letzten Worte, da war es: spaßig, spitzweghaft und entzückend stilisiert. Ihr müßt das lesen.

 

So hätte ich geschrieben, wenn wir noch im vorigen Frieden lebten. Nun – ich halte die kleine Geschichte auch heute noch für gut, für reizvoll ... Aber ein leiser Zweifel beschleicht mich, und ich werde ihn nicht los.

Ist das der Weg? Ist das überhaupt noch einer? Kommts darauf noch an? Geht das noch – die Gymnasialdirektoren mit der Sehnsucht nach Italien, die dicken Brummfliegen, das kleine Städtchen, das Abiturium ... Ist das wichtig? Was ist das: Abiturium? Eine Einrichtung, die man umgehen kann, oder nicht achten, oder ganz ausschalten, am Ende ... Ist diese Welt am Zerfallen? Sind wir anders geworden? Hat sich nicht etwas in unser Leben gedrängt, etwas Neues, Schweres, etwas, das alles das da zum freundlichen Ornament macht? Abgesehen davon, dass es bei Zweig nie ganz primär war – sagt ich vorhin: Spitzweg?? Aber es ist eine sauber kolorierte Luxusausgabe seiner Werke, es ist alles bewußt, schon in der ›zweiten Windung‹ gesehen ... Keine Kritik ist dies – nur eine Feststellung ... Wohin ist das alles entschwunden? Und bewegt und schmerzlich berührt lese ich die Jahreszahl, die unter dem Werk steht: 1909.

Das war eine andre Zeit, und wir waren sehr glücklich. Kommt das je wieder?

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 17.06.1920, Nr. 25, S. 732.





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