Kadettenliteratur


Weil es heute so furchtbar leicht erscheint, militaristische Literatur zu kritisieren, möchte ich mich erst einmal selbst zitieren, und zwar etwas, das ich geschrieben habe, als ich noch klein und unschuldig war, im Jahre 1913: »Es gibt in Deutschland einen ganz merkwürdigen Literaturzweig, den man Seekadettenoder auch Fähnrichs-Literatur zu nennen geneigt ist. Diese Tausende von Büchern sind nun durchaus nicht für Kadetten oder Fähnriche geschrieben, sondern sie handeln nur von solchen. Sie heißen: ›Seiner Majestät Kadett‹; oder: ›Fritz, der Chinesenfähnrich‹; oder: ›S. M. S. Möwe‹; oder ähnlich. Ist das ein merkwürdiger Ton in diesen Büchern! Sie arbeiten alle mit Kraftworten. Mutig unterdrückt der junge Kadett Heimweh und Schluchzen, wenn er das feste Land verläßt, und markiert den Mann. Alle markieren alles: der Vorgesetzte Strenge (denn in Wirklichkeit ist er ein herzensguter Mann), die Kadetten unbedingte Ergebenheit (und in Wirklichkeit schimpfen sie wie die Rohrspatzen). Die ganze Geschichte steht allemal unter der sieghaften Idee, dass der Wille des Vorgesetzten Himmel, Hölle und alle überirdischen Reiche bedeutet. Auf ihn kommts an, um ihn dreht sich alles, der militärfromme Bürger begreift: welch ein Unglück, wenn der Fockmast nicht nach Vorschrift II b gekappt ist. ›Himmel Herrgott, Donnerwetter noch einmal! Da soll doch ... ‹ Die Kadetten ducken sich, der ›Alte‹ flucht, und der Leser schmunzelt behaglich im Lehnstuhl über unsre frische Jugend, und weil ers nicht mitzumachen braucht. Und wenn man diesen deutschen Idealen eine Nadel in den Hintern piekt, gemußt wird nicht! Achtung! Stillgestanden! Präsentiert das ... Sie glauben am Ende wirklich, diese falsch angebrachte Schneidigkeit an Wehrlosen, dieses Sichducken seinem Leutnant gegenüber – das sei etwas Rechtes. Sie halten vielleicht für Gradlinigkeit, was Borniertheit ist: diese Fähnriche, diese Kadetten, diese ganze Gesellschaft mag auf der Welt hinkommen, wohin sie will – sie lernen nichts hinzu, sie werden immer beschränkte junge Leute mit einigermaßen gutem Benehmen bleiben und sich einbilden, sie seien zur Herrlichkeit und die andern nur zur Staffage geboren. ›Und da trat Werner von Lüdinghausen dem schwarzen Schuft ins Gesicht, dass er ... ‹ Was seinen Leutnant anging, so bemühte er sich bei diesem mehr um das zweite Gesicht und ließ sich gern einen krummen Hund schimpfen, weil man nur auf diesem Wege erreichen kann, späterhin auch andre so zu benennen.«

So war das also vor sieben Jahren. Das Buch von der ›Vergitterten Jugend‹, von dem ich sprechen will (›Geschichten aus dem Kadettenkorps‹ von Hans-Joachim Freiherrn v. Reitzenstein, im Verlag von Dr. Eysler & Co. zu Berlin), sieht grade so aus, ist es aber wohl doch nicht. Es ist vor dem Krieg geschrieben. Manche Geschichten freilich (zum Beispiel die von der Erbsünde, worin ein junger unschuldiger Kadett von einer Straßendame angesprochen wird, ihr nicht folgt, aber doch von seinem Unteroffizier ein paar fürchterliche Ohrfeigen bezieht) sind so hart auf der Kippe, dass sie ebenso gut auch zum Ruhme des Kadettenkorps geschrieben sein könnten wie zu dessen Tadel. Und noch aus der herbsten Kritik scheint manchmal so eine Art Stolz über diese Erziehung zu sprechen. (Oder ist es Stolz und Jammer über das Material?) Groß-Lichterfelde? Sparta, meine Lieben, Sparta.

Die Geschichten sind zusammengehauen – sie sind keine rechte Literatur und gehören auch nicht jener hier so oft gerühmten Erlebnisliteratur von Leuten an, die nur leben und nicht schreiben können.

Aber es handelt sich ja gar nicht um dieses Buch. Es handelt sich darum, dass noch immer keiner – außer Heinrich Mann – unter den deutschen Poeten da ist, der den Leuten einmal sagte:

All dieser Kollektivitätsschwindel ist ein Verbrechen. Es gibt keine ›Ehre der Sexta‹, so wie es keine einheitliche Ehre der Feuerwehr oder der Sicherheitspolizei gibt. Es gibt keine Spezial-Ehren. Es gibt keine Kastenunterschiede unter den Menschen – es gibt keine, es gibt keine, es gibt keine. Es ist nicht ›forsch‹, sich von seinem ›Vorgesetzten‹ Stiefelwichse in den Mund schmieren zu lassen – es ist nur hündisch. Es ist nicht tapfer, zu quälen, und es ist nicht tapfer, sich quälen zu lassen. Das hat immer nur die Knochen zusammengerissen, aber nie den Geist, weil es keinen hatte. Das betrachtete das Zivil, zu dessen Schutz es doch eigentlich fungieren sollte, als ein lästiges Anhängsel – wie sagt Wells in ›Mr. Brittling‹? »Das Heer sah die große inoffizielle Welt der Zivilisten als etwas Unbestimmtes, Unsympathisches, möglicherweise Feindliches an, etwas, das man grob zurückwies, wenn es sich einmischte, betrog, wenn man konnte, etwas, das Parlamentsmitglieder zu Besuch sandte und mit Geld knauserte.« Wohlgemerkt: er sagt das vom englischen Heer – also muß das wohl so in der Naturgeschichte der Armeen liegen.

Um wie viel gefährlicher ist das aber bei einem Volke, das, wie das deutsche, dank Tradition und Anlage, sowieso schon etwas zum Domestikentum neigt und wonneschauernd stramm steht, wenn nur andre auch einmal vor ihm stramm stehen müssen. Und man findet ja schließlich immer einen, der noch tiefer steht als man selbst.

Rottet das aus! Laßt euch nie mehr dazu mißbrauchen. Verweigert den Gehorsam, auch wenn ein ›Vorgesetzter‹ befiehlt. Nehmt keine Dienste an, die euch Unmenschliches zumuten. Die jetzigen Soldaten dürfen sich eigentlich nicht beklagen – sie haben es so gewollt. Aber auch sie sollen befreit werden vom Joch der alten Offizierskaste – auch sie müssen das Recht haben, als Menschen und nicht als Kerls behandelt zu werden.

Rottet das aus. Es darf keinen Staat im Staate geben. (Wir haben hundert.) Keine Korporation hat das Recht, aus der Gemeinschaft aller auszutreten und eine üble Sonderwelt zu bilden – weils ihr bequemer ist. Wie sie bei allen Delikten zusammenhalten! Wie im Kadettenkorps. Wie sie lügen, wenns um das Prestige geht! Wie im Kadettenkorps. Wie sie heucheln! Wie sie den Dienst benutzen, um ihre schäbigen Sonderinteressen durchzusetzen! Wie im Kadettenkorps. Und die Folge?

Dieses Land hat Herren und Kerls. Männer hat es nicht.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 26.08.1920, Nr. 35, S. 236.





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