Kleiner Jubel mit Fransen


Deutsche Unterhaltungslektüre ... das ist wie deutscher Whisky, der schrecklichste der Schrecken. Das Zeug ist deshalb nicht gut, weil sie bei uns fast nie unterhalten können, ohne nach der »höhern« Literatur zu schielen, die ihrerseits gar nicht so hoch ist, wie sie zu sein sich einbildet. Ach, es könnten viel mehr große Autoren bei Knaur für 2, 85, mit bunten Bildern für den Zeitungsstand der Bahnhöfe geziert, erscheinen – es wäre gar kein Sakrileg, höchstens eines an der guten Unterhaltungsliteratur.

Sie schrauben sich bei uns zu hoch. Annehmbare und gescheite Schriftsteller mimen die Olympier – je weniger ihnen mit zunehmendem Alter einfällt, desto olympischer werden sie. Die Mitte wälzt Probleme, dass es eine Art hat – aber keine gute. Unten im Souterrain weisen sie den Gedanken weit von sich, mit ihrem Geschreibe den Leuten ein paar freundliche und heitere Abendstunden zu bereiten; sie sind darin sehr deutsch, denn der Deutsche will nicht nur – er will »auch«. Die Herren von der Unterhaltungsliteratur wollen auch, wie die Kollegen vom Olymp, dartun, was sie für feine Dichter seien. Neulich haben sie den sonst so gescheiten Ludwig Wolff über Unterhaltungsliteratur befragt; er gab – in der Literarischen Welt – eine Antwort, die von Minderwertigkeitskomplexen, von uncharmanter Bosheit und Pike-Pike auf die »Literatur« nur so strotzte. Es war kein schöner Anblick.

Da hätten wir also: »Prinzgemahl« von Philipp Macdonald (bei Th. Knaur in Berlin). Ja, Herren, das ist ganz was anders.

Da ist ein Autor von mittlerer Observanz; der Mann schafft keine Menschen, sondern hantiert, frisch aus dem Kasten, mit glatt lackierten Figurinen, mit kleinen Holzmännerchen, die schon andre vor ihm in der Hand gehabt haben – bewährte alte Puppen. Die hat er also frisch angemalt, und nun spielt er damit.

Er kann kleine Geschichten schreiben, und er hat deren sieben geschrieben, eine taugt nichts. Was macht er nun? Er baut einen Rahmen drum herum, ein kleines Theater, er macht eine Kurzgeschichten-Revue. Und wie das gebaut ist, wie das aneinandersitzt, wie es ihm gelungen ist, die Spannung dieses Erzählungswettkampfes – dies der Gedanke seiner Revue – bis zum Schluß durchzuhalten ... wie witzig die kleinen Pointen und wie nett der Schluß ... wieviel Humor ... wie es ihm gelungen ist, durch scheinbare Kritik jede Geschichte, die man mit Freuden zu Ende gelesen hat, scheinbar kaputtzumachen, indem er mit höchst ernsthafter Miene dartut, dass das, was wir da eben gehört haben, nichts tauge, aber auch schon gar nichts ... das ist nun zum Entzücken gar. Diese Leute können eben mehr als die unsern.

Ich überschätze dergleichen gar nicht – es hieße ja, in denselben Fehler verfallen, den wir oben gerügt haben, wenn ich nun den Herrn Macdonald als einen Dichter ausklingeln wollte. Aber gar nicht. Er ist nur ehrlicher als unsre Männerchen.

Man sehe sich die kleinen Zeitungsromane an, die bei uns erscheinen. Von der kleinen Provinz will ich schon nicht sprechen: da machen sie in Vaterland und in Religion und in garantiert indanthrenfarbener Liebe mit Verlobung und dem ganzen Schnäddärädäng.

Wie verlogen aber sind erst die Romänchen, die sich die bessern Herren ausdenken! Welcher Tiefenschmaus! Welches endlose Gerede, weil die Erfindungsarmut der Autoren etwas braucht, um die Spalten zu füllen! Welche Philosopheme! Man hat immer das Gefühl, dass ein älterer Literat nachts auf einem Ball versucht, das Mädchen seiner Wahl mit unendlichem Geschwätz nach Hause zu bekommen.

Er kann nämlich nicht tanzen.

Sie können nicht tanzen. Es sind jene Probleme, für die es gar nicht genug Anführungsstriche gibt – Probleme, die schon bei Herbesthal ihr Ende finden ... die Welt hört nicht zu. (Auch nicht, wenn, wie triumphierend verkündet wird, der Kram ins Englische und Französische übersetzt ist.) Niemand hört zu. Sie schwätzen in einer splendid isolation.

Was den Fall noch besonders verwickelt und die Lektüre dieser ununterhaltenden Lektüre so unleidlich macht, ist der Plapper-Jargon, die Papageiensprache, die sie alle sprechen. Mühelos kann man ein Vokabularium zusammenstellen – es ist für alle das gleiche. Lasset uns gähnen, lieben Freunde. Es sind Individualitäten am laufenden Band.

Lieber ein ehrlicher und sauberer englischer Unterhaltungsroman, als diese Wandervogellyrik, diese falsche Mondänität, die große Welt für den kleinen Moritz und für Frollein Lieschen, Philosophieersatz ohnmächtiger Erzähler. Bildung ist gut. Unterhaltung ist gut. Wie schlecht kann gebildete Unterhaltung sein!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 26.08.1930, Nr. 35, S. 311.





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