Helen Zenna Smith, ›Mrs. Biest pfeift‹


Nunmehr zu einem ernsten Frauenbuch. ›Mrs. Biest pfeift‹ von Helen Zenna Smith (bei S. Fischer in Berlin erschienen). Das ist ein anständiges Buch. Es gibt ein paar Ausschnitte aus dem Leben der englischen weiblichen Freiwilligen, die sich für den Sanitätsdienst und für den Autodienst der Sanitätskolonnen gemeldet hatten. Die Ausschnitte sind scharf und gut, die Tendenz brav, mir zu brav. Das Werk will tendenziös sein – also darf man es daraufhin ansehen. So ein Buch brauchte gewiß nicht mit der traditionellen roten Fahne aufzuhören, das sind ja kindliche Forderungen an die Kunst. Aber die Schlußfolgerungen fehlen; es ist auch in der Schilderung und durch die Schilderung wenig von dem erklärt, was gezeigt wird. Daß sich die Mädchen ein Kind verursachen lassen, wird gesagt; dass sie im Dreck liegen und dass es mit dem Essen nicht klappt, wird gesagt; es wird auch gesagt, dass die Vorsteherin, eben Mrs. Biest genannt, pfeift und wie pfeift! Aber was dahinter ist, wird nicht gesagt, es wird nicht einmal angedeutet. Also steht zu befürchten, dass es die Verfasserin gar nicht gesehen hat. Daß nämlich die unterdrückten Triebe der Dame Biest von einem System dazu benutzt worden sind, um den ›Patriotismus‹ hochzuhalten – an ihrer kleinen Stelle, auch sie. Wie ja überhaupt in allen diesen Kriegsbüchern der Zwang, marschieren zu müssen, niemals diskutiert wird, er wird stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzt, und nun werden einzelne Unzuträglichkeiten, Grausamkeiten, Schweinereien aufgezeigt ... aber der Zwang zu marschieren, für das Vaterland zu marschieren, der bleibt. Es sind ungefährliche Bücher. Lasset uns die gefährlichen schreiben.

Im übrigen ein sauberes Buch und ein ganzer Kerl, der das geschrieben hat. Ein Mädchen mit festem Schritt und mit klarem Kopf. Ich möchte sie nicht in langen Kleidern sehn.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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