Iste Goethe


In der Schule haben wir gelernt, dass iste, ista, istud (nicht istum!) dieser da, der da heißt – und zwar mit einer verächtlichen Nebenbetonung. Nun, dieser Goethe da ist Goethe heute noch für Menschen, die geschlechtliche Beziehungen nur zu dreierlei Zwecken anerkennen: als Objekt der medizinischen Forschung; als Unterlage für eine philologische Doktorarbeit (Friederike Brion, Frau von Stein – hat er? hat er nicht?); schließlich, weil es denn einmal sein muß: in der Ehe. Wir aber wollen istum Goethe betrachten.

Der Hyperion-Verlag zu Berlin hat in seiner Dionysos-Bücherei ›Das Tagebuch‹ als Sonderdruck herausgegeben, jenes wenig bekannte Gedicht von Goethe, das in der großen Weimarer Ausgabe zu finden ist und in dem entzückenden, längst vergriffenen Goethe-Brevier von Hardeben – sonst aber nirgends. Schade, dass das Buch nicht sehr hübsch gedruckt ist – vor allem ist es lästig, nach jeder Strophe umzublättern; ein Gedicht ist eine einzige Sache, die man nicht auseinanderreißen darf. Sollte der nötige Umfang für den Preis herauskommen? Nun ist ›Das Tagebuch‹ in dieser Publikation das geworden, was es auf keinen Fall sein soll: ein Leckerbissen für Feinschmecker und Junggesellen.

Das Gedicht ist 1810 entstanden. Es erzählt, in wundervoll mühelosen ottave rime, wie der Dichter von einer Reise wieder nach Hause zurückkehrt – zugrunde liegt ein Erlebnis nach der dritten Schweizer Reise – und kurz vor der Heimat übernachtet er in einem Wirtshaus. Nach Hatz und Gehämmer des Tages umfängt ihn die freundliche Stille des Hauses.

So stand ich nun. Der Stern des nächsten Schildes

berief mich hin, die Wohnung schien erträglich.

Ein Mädchen kam, des seltensten Gebildes,

das Licht erleuchtend. Mir ward gleich behäglich.

Hausflur und Treppe sah ich als ein Mildes,

die Zimmerchen erfreuten mich unsäglich.

Ein Mädchen kommt, und weil sie sehr graziös ist, und weil es Abend ist, und weil er ein Mann ist –

Den Stuhl umwerfend spring ich auf und fasse

das schöne Kind; sie lispelt: »Lasse, lasse!«

»Die Muhme drunten lauscht, ein alter Drache«, und ihr »Nicht!« besagt: »Noch nicht!«, und sie schenkt ihm eine Nacht, die Nacht.

Es ist ein Mädchen, was er nicht erwartet hat. Sie sagt ihm – und er glaubts: »Du hast mich rein!« Und was nun geschildert ist, das klingt so süß und rein und natürlich, dass ich schon zu schwierigen Vokabeln wie hellenische Lebensfreude greifen müßte, um den Nichtlesern klar zu machen, was ich meine.

Die Impotenz ist ein Ding, von dessen angeblichem Humor das alte Residenz-Theater jahrzehntelang gelebt hat: hier ist sie nicht tragisch und nicht psychopathologisch ausgebeutet – hier ist sie auf Urtriebe zurückgeführt. Er denkt, da er ›im Schimpf‹ neben ihr liegt, an das Nestelknüpfen, an den alten Wunderglauben von dem Vermögen der Mädchen, einem Mann die Liebeskraft abzuschwören – und blitzartig läuft die Erinnerungspule ab: wie er seine wahre Geliebte zu Hause kennen lernte.

Vervielfacht war, was sich für sie bewegte:

Verstand und Witz und alle Lebensgeister

– und wie er stets sie so stark hatte lieben können, wie er sie eben liebte. An dieser Stelle eine unerhörte Steigerung: er erinnert sich, wie er sogar vor dem Altar sie begehrte – was bei Wedekind eine Blasphemie wäre (Schigolch greift Lulu ans Bein: »Ich schwöre bei allem, was heilig ist!«), das ist hier rein und unbefangen, weil es nichts von Christus weiß.

Und jetzt –? Das Mädchen ist eingeschlafen, und als er endlich seine Lebensgeister ganz erwachen fühlt, vermag er es doch nicht, sie zu nehmen.

Er schaudert weg, vorsichtig, leise, leise

entzieht er sich dem holden Zauberkreise.

 

Sitzt, schreibt:

 

Ich nahte mich der heimischen Pforte,

entfernen wollten mich die letzten Stunden.

Da hab ich nun, am sonderbarsten Orte,

mein treues Herz aufs neue dir verbunden.

Zum Schlusse findest du geheime Worte:

Die Krankheit erst bewähret den Gesunden,

Dies Büchlein soll dir manches Gute zeigen,

das Beste nur muß ich zuletzt verschweigen.

 

Und fährt fort, mit der nächsten Post, – »er wirft sich in den Wagen, und läßt getrost sich zu der Liebsten tragen«.

Das ist nichts? Und wir seien doch stärkeren Tobak gewöhnt? Es ist eben das Traurige, dass wir Tobak zum Rauchen suchen, wo wir ein Gedicht lesen sollten. Aber es dreht sich freilich um den verachteten, maßlos überschätzten Stoff.

Vor dem Kriege hat man uns mit Erotik überfüttert. Es ging so weit, dass man heute alle diese scheinwissenschaftlichen, scheinkunstgeschichtlichen Publikationen jenen überläßt, für die sie gemacht sind: den ewigen Untertertianern. Aber was unsre Männergesangsvereine zur Verhütung der außerehelichen Unsittlichkeit mit falschen Argumenten befehden, lehnen wir aus einem ganz andern Grunde ab: Wir wissen wohl, wie viel die Erotik bedeutet; aber wir wissen auch, dass sie nicht alles bedeutet. Die Freud-Schüler, die nach Aussage des Meisters leider nicht alle einen Popo haben, auf den man sie hauen kann, sehen Helenen in jeder Vertiefung und den Phallus in jeder Tischkante; Hänschen Heinzchen Ewerschen bietet den einsamen jungen Damen alles Mögliche fürs Geld; der schlaue Fuchs hat sämtliche Gemälde von den Ägyptern bis zu den Expressionisten daraufhin gesichtet, ob oder ob nicht, und die mit ›ob‹ zu teuern, schlecht geschriebenen Büchern vereinigt – aber innerlich freier sind wir dadurch nicht geworden. Wird die Erotik nicht bürgerlich verlogen verhüllt, dann wird sie bei den Samowaren der Eigenkleidler verhüllend umphilosophiert – und auf alle Fälle sinnlos und sinnenwidrig überschätzt.

»Es ist«, spricht der Weise, »das große Geheimnis, welches nie und nirgends deutlich erwähnt werden darf, aber immer und überall sich, als die Hauptsache, von selbst versteht und daher den Gedanken aller stets gegenwärtig ist, weshalb auch die leiseste Anspielung darauf augenblicklich verstanden wird. Das Belustigende liegt in der steten Verheimlichung der Hauptsache.«

Das ist allerdings der Humor davon; aber ich fände es viel hübscher, wir machten nicht gar so viel Wesens davon. Die Tatsache, dass zwei Menschen miteinander ins Bett gehen, kann ich nicht so grauenhaft aufregend finden wie unsre halbe Literatur und unsre ganze Presse. Wie frei, wie über allem Sumpf erhaben ist jenes Thema im ›Tagebuch‹ abgehandelt; es sagt: So fühlte ich. Und es klingt wieder: Wer doch so fühlte!

Ich plädiere nicht für das keusche Pastorenhaus, wo diese Dinge tabu sind (nach der Melodie: ›Ein Bidet ist ein Geigenkasten auf Beinen‹) – ich glaube, daß man erst durch Himmel und Hölle hindurch muß, ehe man frei und gescheit ein Mädchen küßt, eine Frau liebt und eine Sommernacht lang vergnügt ist. Aber wir sollten nicht gar zu fromm zum Leib beten und ihn nicht gar zu feierlich verfluchen.

›Das Tagebuch‹ aber schließt so:

Und weil zuletzt bei jeder Dichtungsweise

Moralien uns ernstlich fördern sollen,

so will auch ich in so beliebtem Gleise

euch gern bekennen, was die Verse wollen:

Wir stolpern wohl auf unsrer Lebensreise,

und doch vermögen in der Welt, der tollen,

zwei Hebel viel aufs irdische Getriebe:

Sehr viel die Pflicht, unendlich mehr die Liebe!

Ihr werdet sagen, Peter Panter sei ein altmodischer Spießer. Ich möchte dafür plädieren, dass er ein Mensch ist.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 23.09.1920, Nr. 39, S. 334.





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