Die freien Deutschen


Wenn der Papst abends durch seine Gemächer geht,

leise, vorsichtig wandelnd, es ist schon spät,

bleibt er am Bücherbord ein bißchen stehn,

läßt den Blick über mattschimmernde Titel gehn ...

Herders Werke – ist da zu lesen ...

»Ah – Deutschland –« denkt er, »ein gutes Land.

Das ist uns sicher. Das haben wir fest in der Hand.

Da ist nichts zu fürchten ... Übrigens ist das sein Glück –!«

Und dann geht er ein Stück

und zieht sich gänzlich in seine Gemächer zurück.

 

Wenn ein Bankdirektor am Adriatischen Meer

badet – frischen Wind bringt die Luft von Süden her,

die Wellen glitzern ... draußen treibt ein Boot ...

Der Bankmann frottiert sich mit seinem Bademantel, der ist weiß und rot ...

»Übrigens«, sagt er zu seinem Schwager, der neben ihm sitzt

und dumpfbrütend schwitzt,

»diesmal bin ich direkt ruhig auf Urlaub gefahren.

Alles ist still. Im Reichstag liegen se sich in den Haaren.

Laß se liegen. Kein Bolschewismus. Kein Experiment.

Unberufen ... Bei so einem Präsident –!«

Und der Schwager schwitzt und hockt kalbsdämlich da.

Schöner Sonnenfriede liegt über der Adria.

 

Gutsbesitzer. Militärs. Stahlhelmkommis. Richter. Polizei.

Eine himmlische Ruhe und Gewißheit ist in ihnen.

Die Revolution ist endgültig vorbei.

 

Aber im ganzen Lande – das hätte ich beinah vergessen –

klappen sich auf die gewaltigsten Schnurrbartfressen:

»Ein freies Deutschland! Anschluß an Österreich!

Frei von dem welschen Joch! Frei wolln wir sein! Aber gleich –!«

Innerlich stramm stehn. Versklavt von tausend Gewalten.

Im übrigen: »Weg mit Wersalch!«

Gott liebt es, sowas zu erhalten.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 16.06.1925, Nr. 24, S. 892.





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