»Fairbanks ist berühmter als Homer«


Dieser Satz muß in einer amerikanischen Zeitung gestanden haben; wo nicht, wird er dort stehen, wenn diese Zeilen gedruckt werden. Er ist längst fällig, der Satz – er klingt so schön amerikanisch ... Ist er übrigens richtig?

Ich glaube, dass der Satz nicht nur für einen gebildeten Humanisten ein Horror sein dürfte – er ist aus einem ganz anderen Grunde falsch. Häufig genug borgt sich das Turbinenzeitalter seine lobenden Epitheta ornantia aus der antiken Zeit – dergleichen schmückt sehr. Zu Unrecht, zu Unrecht.

Der alte Ruhm ist nämlich vom Künstler selbst erworben worden; niemand stand ihm hilfreich zur Seite; das Managertum alter Zeiten ist wohl noch recht bescheiden gewesen, scheint mir. Gewiß kannte die römische Spätzeit Literaturkabalen, die hat es wohl immer gegeben. Und wer von den Cäsaren dotiert wurde, mochte das mitunter mit sanften Schiebungen erreicht haben. Aber dann war es auch aus. Der Verleger Homers machte keine Reklame.

Und hier sitzt der Fehler aller dieser Vergleiche.

Das Werk eines großen Künstlers wird heute mit ganz anderen Mitteln verbreitet. Ganz deutlich wird das erst bei allem, was für die große Masse, für das Unterhaltungsbedürfnis hergestellt worden ist. Da versagen alle geschichtlichen Maßstäbe.

Der Apparat sperrt den Schlund auf, suchend, wen er verschlänge; er braucht »Stoff«; das investierte Kapital muß verzinst werden. Dichtet, ihr Dichter!, schreibt, ihr Filmautoren!, komponiert, ihr Tonfilmmusiker! Sie dichten; sie schreiben, sie komponieren. Ein kleines Häuflein »Kenner« sitzt um die vorgelegten Manuskripte, Gedichte, Kompositionen ... sie suchen aus, verwerfen, nehmen an, lassen abändern und entscheiden. Los gehts.

Schlägt die neue Sache ein, dann klappert die Mühle am laufenden Band; tausend Reklameagenten machen sich ans Werk; zwanzigtausend Inserate verkünden einen Ruhm, der erst einer werden soll; dreißigtausend Geschäftsleute sind auf den Beinen, sie telefonieren, kabeln, wirtschaften umher ... Und aus dem brausenden Meer entsteigt – der Star. Von den echten Künstlern sei hier abgesehen; nicht von Chaplin sei gesprochen, nicht von den Prominenten ... gesprochen sei von der leichten Korkware: den Stars der großen Trusts, tanzend auf den Wogen der Konjunktur, ans Licht gehoben nur durch den Apparat. Da sind sie – guten Tag.

Sie sind nicht gewachsen; sie sind gemacht.

Tausend gegen eins ist zu wetten: spielte uns jemand vierundvierzig Lieder vor, darunter die nächsten drei Schlager der amerikanischen Tonfilm-Industrie, so werden auch die gewiegtesten Fachleute der Branche diese drei Schlager nicht heraushören. Die sind zwar in den meisten Fällen nicht viel besser und bestimmt nicht schlechter als der bessere Durchschnitt ihrer Gattung – zum »Schlager« aber werden sie gemacht vom Apparat und von den Massen.

Anmerkung für Neidhammel: Nur »Glück« gibt es nicht. »Mein Walzer wäre genauso schön ... « Das ist nicht wahr. Dein Walzer hat eben nicht »das«, er eignet sich nicht so zur Massenverbreitung wie jener; er ist vielleicht um die eine, um die entscheidende Nuance zu gut ...

Erfolge kann man nicht »machen«. Es muß schon etwas dasein, was man »machen« will. Ist aber etwas da, dann setzen sich das Lied, der Schauspieler, der Boston ohne den Apparat nicht durch – trägt der Apparat die Leistung, dann wirds was, meistens. Es ist ein eigenartiger Ruhm, dieser da.

Es ist ein Kollektivruhm. Nicht mehr hervorgerufen von einem; nicht mehr einem einzelnen gebührt der Lorbeerkranz, wenn anders man solches Ruhmesgemüse heute noch trägt – eine ganze Gruppe müßte gekrönt werden. Und sie wird es ja auch: in den Marktnotierungen der Börsen. Denn erst die gesamte Gruppe – mit ihren Produktionsleitern, Direktoren, Regisseuren, Hilfsregisseuren, Reklamefachleuten und richtig! den Schauspielern – »macht« den Ruhm jener einen kleinen Melodie, die die Welt erschüttert. Allein gelassen wäre die kleine Melodie hilflos ertrunken.

Daher sind diese amerikanischen Vergleiche falsch. Ein Wettlauf Homer – Douglas Fairbanks ist deshalb nicht fair, weil es in Wahrheit ein Handicap-Rennen ist, das da gelaufen wird – Homer brauchte eine gewaltige Vorgabe. Nein, noch anders: die Größen sind unvergleichbar; man sollte sie gar nicht rennen lassen, sowenig wie ein Rennpferd mit einem Kletteraffen um die Wette laufen kann. Ihre Ebenen sind verschieden. Das ist kein Sport.

Doch schmückt sich der amerikanische Reporter aus dem Jahre 1930 nach Christi Geburt gern mit den Emblemen des Jahres 486 vor Christi Geburt – er fühlt sich gehoben, wenn ers tut, und Millionen seiner Leser, ebenso ungebildet, wie er es ist, glauben ihm. Lasset uns mitnichten so tun. Die Karikatur Amerikas ist noch nicht das Land. Europa hat immer gern gefremdelt: einmal hat es französelt, dann gebritelt, und jetzt amerikanelt es. Diese Vergleiche führen zu gar nichts. Denn Herr Mussolini ist kein Nero, Adolf Hitler kein Scharnhorst, und nur zwischen manchen berliner Theaterdirektoren und den heidnischen Götzenanbetern ließen sich etwaige Parallelen ziehen. Douglas Fairbanks aber ist nicht berühmter als Homer. Er ist nur bekannter.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 13.04.1930, Nr. 176.





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