Erotische Films


Feinschmecker und solche, die es werden wollen, versammeln sich wohl um die mitternächtige Stunde, vieles Geld an einen unbekannten Unternehmer bezahlt habend, in einem kleinen Kino oder einer größern Privatwohnung, um sich eine »ganz dolle Sache« anzusehen. In betretenem Schweigen versammelt sich die kleine Gesellschaft; es wird geflüstert, wie im Vorraum eines Heiligtums.

Es sind immer dieselben: ein paar junge Leute, denen es beim besten Willen nicht glücken will, blasiert auszusehen, weil sie an den kommenden Vorgängen nicht uninteressiert sind; ein oder zwei ältere Kavaliere, die die Nacht totschlagen wollen; ein paar fette Damen, die vielleicht glauben, in der so prädisponiert gemachten Herrenwelt etwas zu finden, für sich oder ihre Schützlinge – eine ganz kalte und hohe schlanke Dame undefinierbaren Alters mit ihrer Freundin ... Das Spiel beginnt.

Spaß machen immer nur die Environs, das Nebensächliche, das Beiwerk. (Das andere wissen wir.) Die wissen es auch – aber sie versprechen sich doch allerhand von dieser Marktsexualität, von diesem Bett auf dem Potsdamer Platz, von dem Bachanal, von der Orgie. (Ach ... Orgie ... Wenn mir nur ein Mensch in Berlin sagen könnte, was eine Orgie ist. Diese Pflanze wächst nicht an der Panke.)

Spaß machen nur die Environs. Die Kulissen des Filmfabrikanten, mit denen er aufs geflissentlichste bestrebt ist, uns einen ha! Harem vorzutäuschen, die Ungeschicklichkeit der Mitwirkenden, wenn es sich um naturalistische Spiele handelt, die vollkommene Unbeteiligtheit und Bezahltheit der weiblichen Hauptrollen – (»Wat? Interesse ooch noch?«) – Spaß machen nur die Environs.

Der Vorgang selbst ist ein bißchen dagewesen.

Und Spaß macht das Publikum. Diese entzückende Mischung von Verbergenwollen und nicht Können, dieser Flip aus Sinnlichkeit, Scham – wirklich: Scham! – und Sachverständnis, gemischt mit Reminiszenzen –, all das macht es viel lohnender, in die Gesichter der Parkettleute zu sehen statt auf die Leinwand oder auf die Szene.

Es ist jene sachliche Sinnlichkeit, dieselbe, mit der der Meßonkel sich die unanständigen Ansichtskarten beguckt. Es ist die Mathematik der Liebe. Der Liebe? Des Berufs der Liebe.

Und die Polizei stellt sich auf den Kopf, und das ehrsame Bürgertum gerät in Presse und Versammlungen außer sich ... Ich glaube, man überschätzt das. Nein – man soll diese Ferkeleien gewiß nicht propagieren. Aber man muß auch nicht solchen Tam-Tam aus ihnen machen, als sei dies alle eine Welt. Es ist nur eine halbe, ach – eine Viertelswelt.

Aber, ihr wollt eine Kritik? Eine ernsthafte Kritik? Bitte.

»In dem dreiaktigen Lustspiel ›Das gerutschte Strumpfband‹ taten sich in den Hauptrollen hervor die Damen Emma Brösicke und Ludmilla Pachulla. Dieselben erfüllten ihre schwierigen Aufgaben mit hingebendem Eifer, – im zweiten sagen wir ruhig Akt hätten etwas mehr Leidenschaftlichkeit und echt südliches Temperament nichts geschadet. Dieses Temperament bot Herr Alois Naujoks in vollem Maße. In kleineren Rollen gefielen Frau Plempe, Fräulein Piepsam und eine Chaiselongue.«

Äh – kein Film für mich! –

 

 

Peter Panter

Schall und Rauch, Juni 1920, Nr. 7, S. 6-7.





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