Die böhmische Nachtigall


»Damals so wie heut ... «

Noch immer blasen pausbäckige Posaunisten im Finale des zweiten Aktes in ihre Tuthörner, dass einem angst und bange wird, noch immer weint Liebestragik und herzbrechendes Leid über die Bühne, und »Es ist alles aus« schmalzt der Tenor. Und eine wogt mit dem Busen ... Das ist halt eine Wiener Operetten – da kannst nix machen.

Aber vergessen ist der Notenstrudel, die gerühmte Feinheit der Instrumentation, der gottbehüte Dialog und jene Witze, die uns die Haare zu Berge stehen lassen – vergessen ist alles, wenn in der »Spanischen Nachtigall« die Massary auf der Bühne des Berliner Theaters steht, gleitet, schwebt, lächelt und die feinsten und diskretesten Mittel verschwendet. Verschwendet –? Pfeif auf das Stück. Diese Kunst ist Selbstzweck.

Ein kleiner Seitenblick lehrt uns und sie, dass es alles nicht so schlimm gemeint ist mit der Tragik, das letzte Raffinement des Tonansatzes, der Atemtechnik wird selbstverständlich gehandhabt, und ich kann mir ja nicht helfen: der Appetit kommt beim Zuhören, und ich habe eine unbändige Sehnsucht nach der Massary bekommen. Nach der richtigen, die nur in einigen tiefen Tönen andeutet, was sie alles könnte: da wäre eine Szene, wo der adelsstolze Beau das Gemach der Gouvernante betritt und sie nehmen will, selbstverständlich – und sie zieht nur um ein weniges die Augenbrauen hoch und sagt: »Ich fürchte, das wird nichts werden ... « Aber das ist eine andre Geschichte.

Was die »Spanische Nachtigall« anbetrifft, so gibt die einzige Frau das Letzte, was künstlerischer Wille, Geschmack und feinste Technik der Sprache und des Gesanges herzugeben haben. Am schönsten – wie immer – die Augenblicke, wo aus Tiefen unterirdisch dustre Herkunft herausbricht – ein tiefer Kehlton, gefährlich und siegesgewiß: Mir machst du nichts vor – ich weiß doch – ich komme von unten –.

Neben ihr harmloser Spaß und Unfähigkeit und der lange Ralph Arthur Roberts mit den Affenbeinen, der einen Trott hinlegt – à la bon coeur! Er hat Kugelgelenke, wo andere Menschen durchaus festgewachsen sind, wahrt immer die Grenze, meckert und schiebt einmal hinter seiner Dame her – feixend, unerhört gemein, fast niggerhaft geil. Und dabei im nächsten Augenblick liebenswürdig, spielerisch aufgelöst und eine wahre Augenfreude.

Über allen und allem aber: Sie. Im Bänkelduett ein paar Takte von so undeutscher Leichtigkeit, daß einem das Herz in Sehnsucht nach dem verlorenen Europa aufging. Ein Engländer, der hier zu Besuch war, sagte: »Man nimmt die Deutschen bei uns noch nicht gut auf. Aber wenn diese Frau herüberkäme ... « Und eine sagte: »Ich finde, dass dieses Ehepaar zu dem augenblicklich Amüsantesten in Deutschland gehört.«

Die andre nicht minder schöne Hälfte wollen wir ein andermal betrachten. Inzwischen einen großen Korb voll gelber Rosen zu ihren Füßen. Sie hebt ihn und senkt schnuppernd den schwarzen Kopf hinein. Und schweigt. Und dann ein kleines spöttisches Lachen.

Sie ist, auf diesem Felde, unsre einzige.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 16.12.1920, Nr. 51, S. 713.





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