Der kleine Hund an der Ecke


Da stehst du wie ein kleines Gummischweinchen

und gehst auf deinen dicken Batterbeinchen

recht zittrig um den großen Mann herum.

Mama war Ziehhund. Doch du seist von Rasse,

sagt jener (er ist schlecht bei Kasse) –

du bist so klein ... man gab dir so viel Rum ...

Und manchmal nimmt er dich an sein Jackett.

Nachts liegst du ganz bescheiden unterm Bett.

 

Du kommst, wenns gut geht, zu der feinen Dame,

die so schön riecht; Frau Mimi ist ihr Name.

Sie liebkost dich – besonders süß vor Herrn.

Und du hörst alles, was sich da vollziehn wird,

und wie zum Hahn auf einmal ganz Berlin wird,

denn ganz Berlin hat deine Herrin gern.

Wie sie auch haucht, verlöschend, im Falsett ...

Du liegst bescheiden unter ihrem Bett.

 

Und du hörst abends, wenn Madame zur Ruh geht,

von ihren Herrn, wie es im Leben zugeht –:

wie man dem Regisseur ein Ding gedreht.

Du hörst von düstern Polizeimysterien,

von allem Klatsch aus allen Ministerien,

und wer zu Haniel konferieren geht.

Da staunste, Kleener? Siehste, so fluscht det ...!

Und du liegst ganz bescheiden unterm Bett.

 

Merks dir genau! Spitz deine kleinen Ohren!

Sonst geht dir noch der letzte Tip verloren –

hoch auf dem Nachttisch raschelt ein Papier ...

Der Reichstag und die Presse? Liebes Kleinchen,

guck sie verächtlich an und heb ein Beinchen!

Das wahre Leben hast du nur bei ihr.

Fassaden sind nur Falle und nie wichtig.

Mit einer klugen Frau spricht jeder richtig.

Du hörst im Dunkel leis die beiden Stimmen ...

Du witterst, dass da Zigaretten glimmen ...

Da, da lügt keiner. Da ist jeder ganz honett.

Das Ding an sich: du hörst es.

Unterm Bett.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 26.01.1922, Nr. 4, S. 103.





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