Das Lied von der Gleichgültigkeit


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Eine Hur steht unter der Laterne,

des abends um halb neun.

Und sie sieht am Himmel Mond und Sterne –

was kann denn da schon sein?

Sie wartet auf die Kunden,

sie wartet auf den Mann,

und hat sie den gefunden,

fängt das Theater an.

Ja, glauben Sie, dass das sie überrasche?

Und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche,

mit der Tasche,

mit der Tasche –

Na, womit denn sonst.

 

Und es gehen mit der Frau Studenten,

und auch Herr Zahnarzt Schmidt.

Redakteure, Superintendenten,

die nimmt sie alle mit.

Der eine will die Rute,

der andre will sie bleun.

Sie steht auf die Minute

an der Ecke um halb neun.

Und sie klebt am Strumpf mit Spucke eine Masche ...

und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche,

mit der Tasche,

mit der Tasche –

Na, womit denn sonst.

 

Und es ziehn mit Fahnen und Standarten

viel Trupps die Straßen lang.

Und sie singen Lieder aller Arten

in dröhnendem Gesang.

Da kommen sie mit Musike,

sie sieht sich das so an.

Von wegen Politike ...

sie weiß doch: Mann ist Mann.

Und sie sagt: »Ach, laßt mich doch in Ruhe –«

und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche –

mit der Tasche –

mit der Tasche ...

Und sie tut strichen gehn.

Diese Gleichgültigkeit,

diese Gleichgültigkeit –

die kann man schließlich verstehn.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 05.01.1932, Nr. 1, S. 29.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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