Der Bürgergeneral


Im Verlag der Freiheit (zu Berlin, Breite-Straße 8/9) ist ein lustiges kleines Heft von Felix Stössinger und Karl Holtz erschienen: »Das System Noske. Eine politische und satirische Abrechnung« Die negativen Qualitäten Erich Ludendorffs sind bekannt. Die des deutschen Spießbürgers auch. Doch wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten ... Donnerwetter: welch ein Klang! Der Traum, der Lebenstraum des verprügelten Bürgers, auch einmal ... , nicht immer nur die Hand in der Tasche ballen zu müssen, sondern selbst auch einmal ... : dieser Traum hat sich an Gustav Noske im November 1918 erfüllt. Er durfte auch einmal. Die ganze Radfahrernatur des deutschen Menschen: hier konnte sie sich aufs herrlichste bewähren. Ein kleiner Mensch, ein kleines Gehirn, ein Kerl ohne jedes Format und ohne Größe, ein Bourgeois-Ludendorff, ein Commis-Brigadier, ein Bürgergeneral: so steht er in diesem hübschen Heftchen da – lang, haarig, dußlig und unerhört impetuos. Die Zeichnungen von Karl Holtz sind gut; es kann nicht jeder (George) Grosz sein. Die ernste Vorrede von Felix Stössinger durchleuchtet den alten Knaben ganz. Eine lustige Prophezeiung Moszkowskis aus dem Jahrgang 1907 der Lustigen Blätter ziert das Buch – eine Prophezeiung, die so merkwürdig ist, dass ich sie ganz hersetzen muß:

 

Hervé will Soldatenstreik,

Liebknecht spricht so ähnlich,

Ledebour zeigt sich dem Heer

Auch nicht sehr versöhnlich;

Doch der Hoffnung letzten Rest

Soll man nicht verlieren,

Eins steht heute bombenfest:

Noske wird parieren!

 

Geht es mal in ferner Frist

Ans Kanonenfuttern,

Denkt so mancher Reservist:

»Nee – ick bleib' bei Muttern!«

Doch das soll uns Kampf und Schlacht

Nimmermehr vergällen

Denn es ist heut ausgemacht:

Noske wird sich stellen!

 

Kommandiert der Herr Major:

»Feuer vorn und hinten!«

Ruft ein arbeitsscheues Corps:

»Schmeiß' mer fort die Flinten!«

Aber dennoch, Mut! nur Mut!

Laßts euch nicht verdrießen,

Denn wir wissen absolut:

Noske, der wird schießen!

 

Noske schnallt den Säbel um,

Noske geht aufs Ganze,

Noske feuert bum, bum, bum,

Noske stürmt die Schanze,

Noske schreit hurra! hurra!

Noske hält die Wachen,

Noske schießt Viktoria,

Noske wirds schon machen!

 

Er hats gemacht.

Und die Wirkung? Die Intelligenz, die gesamte anständige Arbeiterklasse ist sich über die Ethik eines Mannes klar, der, viel zu dumm, den revolutionären Gedanken des Antimilitarismus zu begreifen, seine frühem Klassengenossen durch ihre erbittertsten Feinde im Namen der Republik erschießen, erstechen, einsperren, ins Wasser werfen, treten und beleidigen ließ. Wie ein Schrei ging das im März 1919 durch das Land: Der Mann muß weg! Man enthob ihn offiziell seines Amtes, ließ ihn widerrechtlich in seiner Dienstwohnung hausen und hat ihn nun zum Oberpräsidenten der Provinz Hannover ernannt. Die Hannoveraner müssen das als eine Provinzial-Angelegenheit mit sich abmachen. Ich weiß nicht, ob sie so sehr damit einverstanden sind, diese Type als ihr Oberhaupt zu verehren.

Wir andern aber sprechen vor uns und vor dem Ausland aus: Es gibt zwei Preußen. Verwechselt uns nicht mit denen da: so sind wir nicht. Verwechselt uns nicht mit ihnen, die einem miserablen Individuum die schlechte Ethik nachsehen (das wäre noch verständlich) – die ihm aber auch die schlechte Geschäftsführung nachsehen und den politischen Unverstand und eine Kurzstirnigkeit, die ein halbes Land ins Verderben riß. Und die ihm das alles nachsehen, nur, weil er einmal mit ekelhaft verspritztem Blut, Weiberleichen und langen Zuchthausjahren ihre Banken beschirmte. Er häufte Fehler auf Fehler, er stolperte sogar über seine eignen Mißgriffe und fiel. Sie haben ihm verziehen. Sie rechneten dem kleinen Geschäftemacher Erzberger jeden halben Pfennig nach und besonders die Hunderttausende, die er nicht verdient hat: Diesem, der keine staubigen, der rote Finger hat, haben sie verziehen.

Die Schufte, die unter Napoleon durch ihre Schuftigkeit etwas geworden sind, waren Formate. Es genügt heute, in Preußen ein kleiner Bürgergeneral zu sein, um Oberpräsident zu werden.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 05.08.1920, Nr. 32, S. 171.





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