Arno Holz


Das Deutsche Verlagshaus Bong in Berlin hat »Das ausgewählte Werk« von Arno Holz herausgegeben. Es ist eine vorzüglich geratene Ausgabe geworden – buchtechnisch hervorragend, der Preis ist nicht hoch, die Notenbeilagen (einige Lieder, von Stolzenberg komponiert) gut, zwei Bilder Holzens von Karl Bauer ... Es ist alles da. Nein – alles nicht. Wirklich: alles nicht. Aber dafür kann der Verlag nicht.

Ich habe Arno Holz hier zu seinem Fünfzigsten gratulieren dürfen – und wenn ich zurückblättere und nachlese – ich kann heute nichts andres sagen. Nichts andres als: der gute Wille allein tuts nicht. Die Theorie tuts nicht. Nicht die Tatsache, dass einer den Naturalismus erfunden hat (großer Prioritätskampf zwischen ihm und Schlaf – aber ich bin gar nicht neugierig): darauf kommts nicht an. Es gibt nur ein Kriterium: gut oder schlecht.

Wie verstaubt diese Wälzer von Dramen, diese minuziös ausgemalte Miniaturtablette der Jugendzeit – diese endlosen Reime der »Blechschmiede«, zu denen Kuno Fischer, Bielschowsky und Lewes erst einmal Kommentare schreiben müßten. Und was bleibt, sind die ganz unprogrammatischen Dinge.

Was bleibt, ist das Berlinisch der »Sozialaristokraten«. Das ist nie wieder geschrieben worden. Da hörst du das Herz dieser Stadt klopfen. Was bleibt, sind einige Lieder des »Phantasus« – das ist beste Fortsetzung von Fontanes altem Stamme. Und was bleibt, ist der ganze »Dafnis«-Spaß.

Ist das viel? Das ist sehr wenig, wenn man den literarhistorischen Apparat betrachtet, der um den Mann gebaut worden ist – von andern übrigens; er selbst ist einer der anständigsten und konsequentesten deutschen Schriftsteller und läßt sichs lieber weiter schlecht ergehn, als dass er nachgibt. Ave –. Und das ist sehr viel, wenn man bedenkt, was überhaupt bei einem Lebensfazit zu bleiben pflegt, und was wohl von unsern jungen Helden bleiben wird, wenn die einmal in die Jahre kommen werden ... Ein bißchen Staub, ein paar abgestandene Reklamenotizen ... Hasenclever, Hosenkläffer ...

Hat sich Arno Holz überlebt? Das, was er von sich am meisten geschätzt hat, den von ihm erfundenen Naturalismus, das ist tot. Der Dichter lebt.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 13.05.1920, Nr. 20, S. 574.





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