Ilex aquifolium. Hülse, Stechpalme

Ilex aquifolium L., Hülse, Stechpalme. (Beim Landmann unter dem Namen Leidendorn bekannt.) Eine Abkochung von zwei bis drei Lot der Blätter auf ein Maß Wasser ist ein Hausmittel gegen Gelenksteifigkeit und chronische Gicht. Es wirkt gelinde auf die Haut und den Darm. Auch habe ich das Mittel gegen Blasenverschleimung, gleich den Blättern der Bärentraube (Folia Uvae ursi) wirksam gefunden. Ein alter, hagerer, durch unordentliche Diät und Spirituosa sehr geschwächter Mann litt an chronischer Verschleimung der Lungen, der Verdauungswerkzeuge und der Blase. Er gebrauchte mit dem besten Erfolge, mehrere Wochen Folgendes:

Nr. 93. Nimm: Stechpalmblätter, Bärentrauben- und Bukkublätter (Folia Diosmae crenatae), von jedem ein Lot, koche diese eine Viertelstunde lang mit einem Maß Wasser, und seihe das Flüssige durch ein Filtrum. Eine solche Portion ist für jeden Tag bestimmt, und muss warm oder kalt getrunken werden.

Die Blätter der Stechpalme oder Steineiche (zwei bis vier Lot mit anderthalb Pfund Wasser eine halbe Stunde gekocht, und solchen Tee Tagüber kalt getrunken, und damit 18—24 Tage kontinuiert) sind bei Magenschwäche, schlechter Verdauung, langwieriger Blasenverschleimung, Schleimhusten, bei chronischer Gicht und Rheumatismus, besonders aber beim Wechselfieber, höchst wirksam. Hier empfahl sie unter anderen schon Beil (s. Burdach III, p. 278. Woyt 1. c p. 448). Da dieses Strauchgewächs sich in den meisten Eichenwäldern, zumal in Sachsen, Westfalen, Holstein, Mecklenburg u. s. w. als sogenanntes Unterholz viel findet, so gebraucht es der Landmann, da es ihm Nichts oder auf der Apotheke sehr wenig kostet, gegen kalte Fieber so: Man nimmt ein halbes Lot von den im Schatten gut getrockneten stachelichen Blättern der Stechpalme (vom Landmann Fuh-Hülsen genannt), gieße zwei Obertassen kochendes Wasser darauf, lasse dies zwölf Stunden hindurch in heißer Asche oder in der Wärme des Ofens, im gut verdeckten Gefäße, ziehen, seihe es durch Leinwand oder Flanell, und setze ein Lot weißen Zucker hinzu. Diese Portion trinkt man zwei Stunden vor dem Eintritt des Fieberanfalls, entweder auf einmal oder zur Hälfte, kurz nacheinander, und fährt damit fort, bis das Fieber aufhört, d. h. ausbleibt, wozu es oft nur einer Portion, zuweilen zwei, selten mehr als vier bedarf und man vor Rückfällen in der Regel gesichert ist.

Ein pseudonymer Arzt sagt über Ilex aquifolium (Schweriner Abendblatt. Nr. 1249 von 1842) Folgendes: "Die Stechpalme, ein einheimisches Gewächs, das wegen seiner heilkräftigen Eigenschaften seit den ältesten Zeiten in Europa bekannt war, aber durch teure ausländische Mittel nach und nach verdrängt wurde, können wir als ein äußerst wirksames Mittel gegen sogenannte kalte oder Wechselfieber nicht dringend genug empfehlen. Ein französischer Arzt, der es während der Feldzüge in Deutschland vom gemeinen Mann häufig anwenden sah, entriss es zuerst der unverdienten Vergessenheit und veranlasste mehrere Kollegen, dessen Wirksamkeit zu erproben. Auf solche Weise gelangte man zu vielen günstigen Erfahrungen, darunter schwere Fälle, wo China und Chinin lange vergeblich gebraucht, ja manche wegen beständiger Rückfälle schon für unheilbar erklärt waren. Die Stechpalme half jedesmal; es bedurfte oft nur einer, zuweilen zwei, höchstens vier Gaben in der fieberfreien Zeit, und nur ein einziges Mal sah man einen Rückfall erfolgen.

"Trotz dieser glänzenden Erfolge wollte der Eigennutz das gar zu wohlfeile Mittel in Paris nicht recht aufkommen lassen, allein die Akademie der Wissenschaften nahm sich seiner an und ernannte zur Prüfung- und Begutachtung- desselben eine Kommission unter des berühmten Magendie Vorsitz. Er ließ nun zuvörderst im Hotel Dieu viele und verschiedenartige Wechselfieber damit behandeln, die rasch oder langsam, aber alle gründlich geheilt wurden. Das Gutachten der Prüfungskommission lautete also: dass das Mittel zwar nicht so rasch wirke als China und Chinin, allein mindestens eben so sicher. Gleich günstige Erfahrungen wurden in anderen Städten Frankreichs gemacht, und weil der Arzt, der es zuerst wieder einführte, noch 500 gelungene Heilungen aufstellte, so erhielt er von der Akademie die große Preismedaille 6000 Francs Wert, und von der botanischen Gesellschaft in London eine silberne Medaille. Seit der Zeit wird es in Frankreich von Ärzten und Laien häufig gebraucht und schien auch vor einigen Jahren in Deutschland Lobredner zu finden.

„Allein weil nichts oder nur wenig damit zu verdienen, fällt es nach und nach der Vergessenheit wieder anheim, man zahlt lieber jährlich Hunderttausende an gewinnsüchtige Ausländer für China, statt das einheimische, höchst wohlfeile und überaus wirksame Mittel gegen Wechselfieber anzuwenden. Denn nicht nur äußerst wirksam haben wir die Stechpalme in der genannten Krankheit gefunden, sondern müssen ihr auch mit Prof. Retzius in Stockholm — bedeutende Vorzüge vor der China und dem Chinin einräumen. Sie ist nämlich 1) zuverlässiger als China und Chinin; wenn sie auch zuweilen nicht so schnell das Fieber vertreibt als diese, so erfolgen auch nach ihrem Gebrauch höchst selten Rückfälle. 2) Sie hält keine Absonderungen und Ausleerungen an, wie das ausländische Mittel. 3) Sie kostet wenig oder gar nichts. 4) Sie kann lange ohne Nachteil für die Verdauungsorgane gegeben werden, 5) selbst mit Nutzen unter solchen Umständen, die den Gebrauch der China verbieten. Deshalb eignet sie sich vor vielen anderen zum Volks- oder Hausmittel und wir können sie aus voller Überzeugung empfehlen."


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