2. Mystiker


Hatte Gilbert nach dem Ausdrucke J. E. Erdmanns die Scholastik als »bloße Vernunftlehre« zu begründen unternommen, so suchte man sie von anderer Seite zur »bloßen Religionslehre « zu machen und gelangte dadurch in den Hafen der Mystik. Viel trägt die aus dem religiösen Aufschwung des 11. Jahrhunderts (Cluniazenser) hervorgegangene Kreuzzugsstimmung dazu bei, und als deren hervorragendster Träger im 12. Jahrhundert der berühmte Abt Bernhard von Clairvaux (1091-1153), der siegreiche Gegner Abälards, diesem an Tiefe des religiösen Gemüts und Geschlossenheit des Charakters wie an weltgeschichtlicher Bedeutung ebenso überlegen, wie an theoretischer Begabung unter ihm stehend. Streitbarer Vorkämpfer der Orthodoxie und Mystik zugleich, verachtet er als heidnisch alles Wissen um des Wissens willen, ja überhaupt die Welt (De contemptu mundi) und preist als die eigentliche Tugend des Christen die Demut. Die letzte und höchste aber von deren zwölf Stufen (De gradibus humilitatis), zugleich die höchste der Seligkeiten, bildet »die geheimnisvolle Auffahrt der Seele in den Himmel, das süße Heimkehren aus dem Lande der Leiber in die Religion der Geister, das Sichaufgeben an und in Gott« Die theoretische Grundlage aller Frömmigkeit ist ihm die Betrachtung (De consideratione l. V), ihre Krone die Gottesliebe (De deligendo Deo). Mit schwärmerischer Innigkeit (daher sein Beiname »Dr. mellifluus«), ja oft in gefühlsseliger Überschwenglichkeit versenkt er sich in die Wunder der göttlichen Liebe, in die Anschauung der Wunden des gekreuzigten Heilands, gern in den Bildern des Hohen Liedes schwelgend, über das er seinen Mönchen 86 noch erhaltene Predigten gehalten hat. Auf der höchsten Stufe der Liebe, der wahren Gottesliebe, liebt der Mensch auch sich selbst nur noch um Gottes willen. Freilich ist diese höchste Stufe nur für Augenblicke erreichbar (vgl. die Monographien von Hüffer, Bd. I, Münster 1886 und Vacandard, 2 Bde., Paris 1895).

Systematischer als Bernhard gehen die Viktoriner (Leiter der Klosterschule S. Viktor in der Nähe von Paris) Hugo und Richard zu Werke. Hugo (1096-1141), von Geburt ein deutscher Graf von Blankenburg am Harz, unterscheidet in seinem Soliloquium und seinem Werke De sacramentis christianae fidei unter dem Einflusse augustinischer Weltanschauung, unter dem auch schon Bernhard stand, drei Stufen der intellektuellen Tätigkeit, drei »Augen« des Menschen. Die erste (cogitatio) - das äußere Auge - hat es nur mit dem Sinnlichen zu tun, die zweite (meditatio) - das innere Auge - mit dem begrifflichen Denken, welches das hinter den werdenden und vergehenden äußeren Formen verborgene Wesen der Dinge zu erforschen sucht. Beide aber sind streng auf die Welt der Erfahrung beschränkt, während die dritte und höchste Stufe (contemplatio) - das geistige Auge - in der unmittelbaren Anschauung (Vision) des Göttlichen besteht, welche die heilige Ruhe der reinen Liebe in uns schafft. Auch sonst war sein Einfluß auf die Ausbildung der kirchlichen Weltanschauung des Mittelalters bedeutend. Die Hauptsätze über das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt in Papst Bonifaz' VIII. berühmter Bulle Unam sanctam entstammen einer von Hugos Schriften. Sein Schüler, der Schotte Richard von S. Viktor (• 1173), gleich ihm ein Mann von umfangreicher Gelehrsamkeit, die er in einem besonderen Unterrichtsbuche niederlegte, baut die Lehre des Meisters noch weiter aus, indem er sechs Stufen der Erkenntnis, darunter drei der Kontemplation, unterscheidet. Diese letztere wird erst durch den Tod der Vernunft geboren und erhebt sich nicht bloß über, sondern auch wider dieselbe.

Während diese beiden Viktoriner mit germanischer Gemütsinnigkeit in die Tiefen des Gefühlslebens dringen, erscheint dagegen Richards Nachfolger Walter von S. Viktor in seiner literarischen Tätigkeit als ein beschränkter Fanatiker, der mit Kampfeswut gegen die »vier Labyrinthe Frankreichsü: Abälard, dessen Schüler Peter von Poitiers, Gilbert und Petrus Lombardus (s. unten 3.) zu Felde zieht. Die sogenannte Wissenschaft dieser »Dialektiker« gilt ihm als Gaukelei, zum Lachen reizend, als leeres Wortgepränge und heidnische Empörung gegen das Evangelium, die Kirche dagegen als das Orakel, das man anzurufen hat.

Eine andere, nämlich pantheistische Wendung nimmt die Mystik unter Amalrich von Bene (Bennes bei Chartres), nach dessen, wahrscheinlich von Eriugena beeinflußter, Lehre Gott in allen Kreaturen lebt. Inwieweit die Albigenser und später die »Brüder des freien Geistes« sich auf ihn mit Recht beriefen, ist ungewiß; jedenfalls wurde er 1204 verdammt, nach seinem Tode seine Gebeine ausgegraben und verscharrt, seine Anhänger, die Amalrikaner, als Ketzer mit Feuer und Schwert verfolgt. Noch ausgesprochener erscheint der Pantheismus Davids von Dinant, der - wahrscheinlich schon unter dem Einflusse arabischer Philosophen (§ 63) - die Identität seiner drei Prinzipien: Gott, Geist und Materie behauptete, denn ein und dasselbe Sein liege ihnen allen zugrunde (es erinnert das fast schon an Spinoza).


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