1. Johannes Eriugena oder Scottus


1. Johannes Eriugena oder Scottus (Irland war das Stammland der Schotten und hieß daher noch bis in das II. Jahrhundert Scotia maior), lebte um 810-877. Sicher aus seinem Leben ist nur, dass er, sonst ohne geistliches oder weltliches Amt, um 845 dem Rufe Karls des Kahlen folgend, eine Zeitlang Leiter der Pariser Hofschule war und im Auftrage desselben Herrschers die areopagitischen Schriften (§ 57) ins Lateinische übersetzte. In den damals gerade heftig wütenden Theologenstreit über die Prädestinationslehre griff er durch seine Schrift De divina praedestinatione ein. Sein späteres Hauptwerk führte den Titel De divisione naturae, ist also, im Gegensatz zu den allermeisten scholastischen Schriften, ein naturphilosophisches. 1225 zu Paris als ketzerisch verbrannt, ist es 1681 wieder neu herausgegeben worden, jetzt am besten in Mignes Sammlung der Kirchenväter (Bd. 122), deutsch übersetzt von L. Noack in der Philosophischen Bibliothek (Bd. 86-87).

Beeinflußt ist Johannes, außer durch Augustin, namentlich durch den von ihm überschätzten »Areopagiten«, überhaupt durch die jüngeren griechischen Kirchenlehrer, wie er denn zu den wenigen Scholastikern gehört, die mit der griechischen Sprache noch gründlich vertraut waren. Er unterwirft sich ihrem Ansehen fast schon in demselben Maße wie dem Schriftwort. Doch soll in Zweifelsfällen die Vernunft vor der Autorität den Vorzug haben, denn die wahre Autorität ist »nichts anderes als die durch die Kraft der Vernunft entdeckte Wahrheit« Die wahre Philosophie ist mit der wahren Religion einerlei; denn beide fließen aus der göttlichen Weisheit. Allerdings kann nicht alles, was für den Weisen und Mündigen ist, auch vom Einfältigen und Unmündigen verstanden werden. Für den letzteren bedient sich die Schrift, die auch Eriugena als unerschütterliche Autorität gilt, häufig poetischer Sagen, Wunder und göttlicher Erscheinungen, die dem geläuterten Sinne des Wissenden nur Symbole geistiger Zustände sind, wie z.B. Hölle, Paradies, Himmelfahrt oder die buchstäblich vorgestellte Wiederkunft zum jüngsten Gericht.

Die Naturphilosophie Eriugenas ist ganz in der neuplatonisch-mystischen Anschauungsweise des Areopagiten als Entfaltungssystem der Gottheit gedacht, worein sich indessen schon aristotelische Unterscheidungen (des unbewegt Bewegenden, bewegt Bewegenden, bloß Bewegten) mischen. Seine Spekulation beginnt sofort mit der Versenkung in die unaussprechliche Tiefe des Wesens und Urquells aller Dinge, welcher »nicht geschaffen ist und doch schafft« Als eigenschaftsloses Nichts kennt die Gottheit zunächst sogar sich selbst nicht. Bewußt wird sie ihrer selbst erst als das »geschaffene und doch zugleich schaffende« Wesen, aus dem die ewigen Ideen (Urbilder) aller Dinge hervorgehen, deren Einheit der Logos darstellt. Sie gehen unter dem Einfluß des heiligen Geistes oder der pflegenden göttlichen Liebe in die »geschaffenen, selbst nicht schaffenden« Dinge ein, natürlich in immer weiteren Abstufungen. So sind alle Dinge Erscheinungen Gottes (Theophanien), unser Leben Gottes Selbstoffenbarung in uns. Es gibt nichts außer ihm. Das Böse ist nur eine aus der menschlichen Freiheit entstandene verkehrte Richtung des Willens. Aus der Vielheit wird dereinst derselbe Logos die Welt wieder zu dem letzten Ziel der Dinge, zu Gott als dem Wesen, das »weder schafft noch geschaffen wird«, zur ewigen Ruhe (deificatio = Vergottung) zurückführen; das Endziel ist gleich dem Uranfang, der Kreis vollendet.

Neben diesem neuplatonisch-mystischen zeigt jedoch Eriugenas System zugleich einen logischen und zwar idealistischen Zug. Wie das Sehen weit mehr ist als das Gesehene, das Hören als das Gehörte, so existieren die Dinge in Wahrheit nur, insofern sie erkannt werden. Diese allgemeinen Gattungsbegriffe (Ideen) sind das einzig wahrhaft Reale, indem sie das Seiende aus sich heraus erzeugen. So leitet der Vater der Scholastik bereits den berühmten Universalienstreit ein, der die ganze mittelalterliche Philosophie durchzieht.


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