Literarisches


Literat. Das trostloseste Bild impressionablen Schmocktums bietet zur Zeit die Berliner ›Neue Rundschau‹. Welche Fülle preziöser Nichtigkeit für 2 Mark 50! Herr Alfred Kerr, dieser Virtuose der Kurzatmigkeit, nützt sich schließlich auch ab; die vielen Punkte, die seine Theaterbetrachtungen zerreißen, hören auf, Gesichtspunkte zu sein. Immerhin bleibt er ein Original in dieser Öde angedünkelter Modernität. Der Herr Professor Oskar Bie, der für die Redaktion »verantwortlich« ist, ist ein drolliger Beleg für die Leichtigkeit, mit der heute journalistische Durchschnittsköpfe, die ehedem für eine Lokalnotiz zu schlecht waren, »Empfindsamkeit« erlernen. Feinfeinfeineres als sein Verständnis für Mahler ist schon nicht mehr auszudenken. Und wie er die Ruth St. Denis erfaßt hat! Ihre Arme »ringeln sich wie exotische Tiere, die von unklaren Sehnsüchten gepackt sind«. In Berlin W. ist man nämlich noch immer eine kritische Persönlichkeit, wenn man den Plural von Sehnsucht bilden kann. Und wie sehr es bei dieser Art von Kritik auf die Worte ankommt, zeigt die Unterscheidung des Herrn Bie zwischen dem spanischen Tanz, »der die Mimik der Sinnlichkeit leidenschaftlich dramatisiert«, und dem orientalischen, »der die Glieder des Körpers im Rausche einer Ekstase löst«. Man würde glauben, dass dies gehupft wie gesprungen sei, aber da der Kritiker verschiedene Worte findet, so sind’s wohl auch verschiedene Tänze. Daneben Herr W. Fred. Nach der neuesten Wiener Methode liebenswürdig-»schlampert«. Nach diesem Rezepte gibt man »halt« zur Banalität »ein bisl« Feschheit. Und wie sollte man eine Buchkritik anders zubereiten, wenn sie einem Roman des Herrn Max Buckhard gilt? Dem Buch »von einem kleinen Jungen, der von einer Tante aufs Konvikt in Kremsmünster getan wird«? Es ist erfreulich zu sehen, wie das Wienertum der Großen Sperlgasse jetzt allmälig auch in die schweren reichsdeutschen Monatsrevuen Eingang findet. Aber wer ist schließlich Herr Fred neben den berühmten Landsleuten, die berufen sind, den Berlinern die in prunkvollen Gewändern einherschreitende Impotenz des Wiener Ästheticismus vorzustellen? Hugo von Hofmannsthals Fragment eines Puppendramas ist kaum vergessen, da bietet die ›Neue Rundschau‹ schon das zehnstrophige Gedicht »Altern« von Richard Beer-Hofmann. Und die ›Frankfurter Zeitung‹ druckt es nach. Man vergleiche mit dieser daseinsstolzen Schweißgeburt, die in Deutschland österreichische Lyrik repräsentieren soll, mit diesem Produkte dichterischer Transpiration — die unbemerkten acht Zeilen, die ein jüngerer Wiener, Max Mell, neulich in der ›Schaubühne‹ (einer auch sonst manchmal lesenswerten Zeitschrift) veröffentlicht hat. Ich zitiere hier das Gedichtchen, weil ich mich für verpflichtet halte, für den stärksten Eindruck, den mir seit langer Zeit neue Lyrik gebracht hat, öffentlich zu danken.

 

Der milde Herbst von Anno 45.

 

Ich Uralter kanns erzählen, wie der Herbst durch jenes Jahr

Wie ein Strom rann und ein Spiegel hundert Abendröten war.

 

An Obstbäumen lehnten Leitern, knackten unter Eil und Fleiß,

Und die Kinder schmausten immer, und die Kranken lachten leis.

 

Auf dem Boden rochs nach Äpfeln, in den Kellern feucht nach Wein,

Und wer eine Sense ansah, dem fiel doch der Tod nicht ein.

 

War ein Herbst so lang wie jeder; Sonne sinkt und Stunde schlägt;

Doch an jedes Leben, schien uns, war ein Kleines zugelegt.

 

Liebt man nicht diesen Uralten, sieht man ihn nicht vor sich, wie den Herbst, den er schildert? Kann man sich plastischere Verwebung eines Naturbildes mit der Erinnernsstimmung denken? Springt der Gedanke nicht ganz von selbst aus der Anschauung, wie das Plus an Lebenslust jener milden Jahreszeit entströmte? Für diese acht Zeilen hat der junge Wiener — von dem ich nie etwas gehört habe und nichts als dies kleine Gedicht kenne — den Bauernfeldpreis redlicher verdient als die ganze lyrische Redseligkeit, die neulich in den Werken der Herren Stefan Zweig, Salus etc. preisgekrönt ward.

 

 

Nr. 216, VIII. Jahr

9. Jänner 1907.


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