Zwei Einbrecher


Herr Kriegskotte lag in seinem Bett. Eben hatte er sich bei der traulichen Lampe von H. St. Chamberlain bescheinigen lassen, dass er und seinesgleichen direkt nach dem lieben Gott und Richard Wagner rangierten (was ihn mit großer Genugtuung erfüllte) – als ihn bleierne Müdigkeit befiel. Es soll das bei der Lektüre dieses Philosophen manchmal vorkommen. Kriegskotte löschte das Licht und wartete auf den Schlaf.

Der Schlaf kam nicht. Sei es, dass der noch in den Universitätsräumen zu tun hatte, wo Professor Dr. Colonius ein Kolleg über den »Sternhimmel in Oberschlesien« las – sei es, dass der Schlaf selbst müde war, weil er den ganzen Vormittag lang in zahllosen Kriegsgesellschaften gewirkt hatte – er kam nicht. Kriegskotte wartete. Er zählte die donnernden Elektrischen, die vor seinem Hause vorbeitosten, er hörte, wie im Nachbarhaus eine Jungfrau ihren ledigen Stand das Klavier entgelten ließ – der Schlaf kam nicht. Lange lag Kriegskotte so wach.

Was – –? Ein Geräusch – –? Peterte da jemand an der Korridortür? Eine Sinnestäuschung, sagte er sich. Nein – es peterte wirklich jemand. Die Tür ächzte. Das Schloß knirschte, die Tür wurde leise geöffnet.

Erst wollte Kriegskotte schreien. Dann besann er sich. Man muß doch erst feststellen ... (Der Deutsche muß immer erst feststellen.) Jemand schlich in das Arbeitszimmer. Kein Zweifel – man brach bei ihm ein.

Kriegskotte erhob sich geräuschlos. Er tapste durch sein Schlafzimmer, das breite niedrige Bett lag im Mondlicht hinter ihm. Auf Zehenspitzen und im Hemde stelzte er an die Tür und sah durchs Schlüsselloch.

Alles da. Da stand – ganz wie im Bilderbuch – ein schwerer Junge an seinem Schreibtisch und mühte sich, die Schubladen aufzubrechen. Neben ihm war eine Acetylenlampe aufgebaut und warf einen hellen Lichtkegel auf den Schauplatz und auf die blinkenden Stahlwerkzeuge, die daneben lagen ... Noch hielten die Schlösser. Der Mann stöhnte leise.

Kriegskotte überlegte. Vorstürzen –? Der Einbrecher mochte schießen. Kriegskotte war seinerzeit ein berühmter Kaisergeburtstagsredner gewesen und daher g. v.-Heimat. Mit der Courage war es nicht so furchtbar doll bei ihm. Zurückschleichen und Hilfe holen –? Dann räumte der Bursche inzwischen den ganzen Laden aus, und man hat das Nachsehen. Warten – warten war wie immer das Beste. Kriegskotte wartete.

Knack – machte es im Schreibtisch. Das mittlere Schubschloß hatte es aufgegeben, der Mann, ein stattlicher Dreißiger, zog jetzt die Schublade heraus. Und gleich darauf auch die beiden anderen ... Kriegskotte biß die Zähne zusammen. Verdammt –! Da war das Geld, das lag ganz links, und es war die Frage von Minuten, dass der es entdeckte – Kriegskotte überrieselte es kalt. Der Einbrecher kramte.

Was – –? Ein Geräusch – –? Peterte da jemand an der Korridortür? Eine Sinnestäuschung, sagte sich Kriegskotte. Nein – es peterte wirklich jemand. Die Tür ächzte. Das Schloß knirschte. Die Tür wurde leise geöffnet. Schritte tappten auf dem Läufer des Ganges.

Da stand so einer. Noch so ein schwerer Junge – und starrte auf den ersten, der so in seine Arbeit vertieft war, dass er nichts sah und nichts hörte. Der zweite räusperte sich. Blitzschnell fuhr der andre herum und sprang auf. Sie sahen sich an.

Der zweite stellte sich vor. »Gestatten: Cibulla. Ferien- und Wohnungseinbrüche. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Der erste klappte mit den Hacken. »Rudolf Schilzke. Wohnungen, Bodenräume und Garagen. Sehr angenehm.« –

»Ja, Herr Kollege«, sagte der Ankömmling. »Was machen Sie denn hier –?« – »Das sehen Sie ja: ich arbeite«, sagte Herr Schilzke. – »Das ist mir außerordentlich peinlich«, sagte Herr Cibulla. »Ich komme direkt aus Reinickendorf – die Spesen – der weite Weg – ich möchte nicht gern unverrichteter Sache wieder abziehen – –«

»Ich dächte doch, dass ich das Vorrecht habe«, sagte Herr Schilzke. »Vielleicht sehen Sie sich mal in der Nachbarschaft um ... « – »So einfach ist das nicht, wie Sie glauben«, sagte Herr Cibulla. »Sind Sie organisiert –?« – »Natürlich«, sagte Herr Schilzke.

»D. E. B. Deutscher Einbrecher-Bund. Und Sie?« – »V. B. K. Verband Berliner Klemm-Eden. Ich habe diese Adresse aus unserm Fachorgan Dietrich und Stemmeisen. Ich muß doch sehr bitten ... « (Hier begann Kriegskotte zu zittern.)

»Alaum Se mal!« (Herr Schilzke verfiel in das Idiom seiner Heimatstadt. Paris war es nicht.) »Det Ding is so: Wir vom D. E. B. ham janz Jroß-Balin in Beßirke einjeteilt. Na – un det is hier mein Beßirk. Den hat ma da Vorstand zujewiesen. In de jestrige Vabandsitzung ... « – »Ja, lieber Kollege«, sagte der andre. »Das ist ja alles recht schön und gut. Aber die diesfallsigen Beschlüsse des D. E. B. sind für uns vom V. B. K. in keiner Weise maßgebend. Ich war früher Austräger bei einem Rechtsanwalt – ich weiß das also ganz genau: hier liegt ein sogenannter Kompetenzkonflikt vor. Ja.« – »Heren Se ma ... !« rief Herr Schilzke. – »Nicht so laut!« zischte Herr Cibulla. »Wollen Sie das ganze Haus zusammentrommeln?« – »Mein Recht will ich und weiter nischt! Merken sich det!« – »Der D. E. B. steht in Fusionsverhandlungen mit dem V. B. K.«, sagte Herr Cibulla träumerisch. »Und dann machen Sie hier solche Kisten ... ! Wo bleibt da das Kollegialitätsgefühl?« – »Wees ick nich!« maulte Herr Schilzke.

»Wennt Ihn nich paßt, kenn sich ja beschweren!« – »Wer ick ooch!« berlinerte Herr Cibulla, wobei ihm mit der Feinheit ein Stein von der Seele fiel. »Wer ick ooch! Bei unsan Betriebsrat! Nanu –! Und nu brech ick hier ein!«

Der leise Sommerwind spielte lind mit dem Nachthemdzipfel Kriegskottes, der hinter der Tür lauschte. Er sah eine neue, aber eine deutsche Welt.

»Det wern Se nich, Sie! Vastehnse? Sie wern den Zaun pinseln, Herr! Sie nich! Wissen Se, wat mir Ihr V. B. K. kann?« – »Na?« erkundigte sich Herr Cibulla. – »Mir janich imponiahn!« sagte Herr Schilzke. – »Nu – nu – nu –«, mahnte Herr Cibulla. »So is det nich! Fachblatt is Fachblatt – det kenn Se nich ijnorieren! Sie mit Ihrn D. E. B.!« – »Det wern wa sehn!« sagte Herr Schilzke so laut, dass Kriegskotte hinter der Tür zusammenzuckte. »Und wenn ick bis zum Kaiser – und wenn ick bis zum Präsidenten soll jehn – ick will mein Recht! Rayon is Rayon!« – »Los! Da komm Se mit! Wir jehn in de Flotte! – Da tagt heut nacht unsa Vaband mit Ihrn Vaband – da wern wa frahrn! Det wär jelacht! –« – »Wärt ooch: Ordnung muß sinn! Allemal! Also nischt wie hin!« rief Herr Schilzke. Und packte seine Werkzeuge zusammen, schloß die Schubladen, löschte die Lampe und folgte dem voraneilenden Kollegen. »Bitte nach Ihnen!« sagte Herr Cibulla, ein Mann von weltmännischen Formen, an der Tür. Und dann gingen sie.

Kriegskotte hatte bis jetzt kaum geatmet. Aber nun gings los! Himmelherrgottdonnerwetter! Das sollte ihm passieren! In seiner eigenen Wohnung! Wo war die vom Staat garantierte Sicherheit des ruhigen Bürgers? Wozu zahlte man seine Steuern? Nein! Das gabs nicht! Er bekam Mut. Wenn jetzt noch einmal einer käme, dann schlüge er ihn – Licht! Telefonbuch! Pi – Pa – Po – Polizei ... Das wär ja die- –

Ging die Tür? Licht und Mut des Herrn Kriegskotte erloschen jäh. Augenblicks hockte er unter dem Schreibtisch. Da kam einer.

Kam leise und wühlte furchtbar in den Schubladen. Klapperte mit den drei bis heute gehamsterten Goldstücken, ließ ein Bild fallen, dass die Scheibe klirrend brach, und verschwand. Pause. Und grade wollte sich Kriegskotte erheben und wutschnaubend und mutig – – Da öffnete sich die Tür noch einmal, und wieder kam einer.

»Wat hat er jesacht?« sprach eine bekannte Stimme. »Seinen Bohrer hat er vajessen? So ein ... Det dachte ich mir doch! Es jibt keine Ehrlichkeit mehr uff die Welt! Na warte! – Und die Hälfte hat der Dusselkopp liejen jelassen! Wat is der? Einbrecher is der? Valleicht wird er mal einer – aber ick wern!« Sprachs und wirtschaftete seinerseits so erschrecklich in den Schubladen, dass es Herrn Kriegskotte tief ins Herz schnitt. Und verschwand.

Und da stand Kriegskotte, begossen, im Nachthemd, im Mondlicht und sah seinen leer ausgeraubten Schreibtisch und begann, eine Nachtverbindung mit dem Polizeipräsidium aufzunehmen, die da dauerte von nachts zwölf Uhr bis- –

Und hatte bei aller Trauer um den entschwundenen Besitz die tröstliche Versicherung, dass alles – sogar das Einbruchswesen – wohl geordnet und wacker organisiert sei in seinem Vaterlande.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann telefoniert er heute noch.

 

 

Peter Panter

Schall und Rauch, April 1920, Nr. 1, S. 2-5.





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