Der kartellierte Zeisig


Bescheiden trippelnd nähert sich unser Herr Zeisig ... wie? also gut, mein Herr Zeisig ... nein, nähert sich unser Herr Zeisig dem Bureaudiener der Andullje-Aktien-Gesellschaft mit beschränkter Haft auf Aktien. Dem Bureaudiener geht der Hintern mit Grundeis; er weiß nicht, ob die Andullje ihm nicht zum nächsten Termin kündigen wird, ein Termingeschäft, das kein tüchtiger Arbeitspender zu verabsäumen pflegt. Doch fragt er den Zeisig grundeisig nach dessen Begehr und tut dann das, was jeder gut geschulte Bureaudiener überall zu tun hat: er läßt ihn warten.

Der Zeisig sitzt im Wartezimmerchen und zimmert und wartet. Auf dem Hof schnattern die Schreibmaschinen; man hört, auch wenn man nicht hinhört, wie sie sagen: »Zuunsermgrößtenleidwesendiesezahlungjetztnichtleisten. « Der Zeisig nickt – er kennt diese Melodie. Andullje – denkt er. Was ist das überhaupt für ein Name? Er ist hierhergekommen, um etwas zu tun, was Zeisige sonst gar nicht machen: er will einen Fühler ausstrecken. Er möchte hören, ob man nicht willens sei, die Kartell-Satzungen zu mildern – die Preise sind zu hoch! Die Andullje könnte, wenn sie wollte ... Wer ist die Andullje? Das weiß man nicht. Es ist eine Art Gottheit, mit einigen irdischen Vertretern, die sich aber meistens vertreten lassen, zum Schluß bleibt dann bloß noch der Bureaudiener übrig, und der kann nichts dafür. Man nennt das eine Interessen-Gemeinschaft. Die Preise sind viel zu... – »Sie möchten reinkommen«, sagt der Grundeisdiener, und der Zeisig tut es.

Hinter seiner Schreibburg residiert Generaldirektor Klempnerskirch, ein eleganter Wirtschaftsführer von circa 46 Jahren, heute ist es ein bißchen fester, sagen wir: 47. Er hebt seine Augenbraue, das bedeutet: »Ah, der Herr Zeisig!« – er läßt sie wieder sinken, das heißt: »Bitte, nehmen Sie einen Stuhl, aber ohne unser Obligo!« Der Zeisig sitzt.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Zu unserm größten Leidwesen, mein lieber Herr Zeisig, müssen wir Sie zum nächsten Ersten entlassen.

DER ZEISIG: Iche ...

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Entlassen. Die allgemeine Wirtschaftssituation ist für Deutschland derart gelagert, verstehn Sie mich, dass wir wesentliche Rationalisierungsmaßnahmen vorzunehmen uns in die Lage versetzt sehn. Die Lage dauert noch an. Sie werden begreifen, dass es unter diesen Umständen auch für Sie das Beste ist ...

DER ZEISIG: Ihr ...

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Unterbrechen Sie mich nicht. Das Unternehmen kann nur gedeihn, wenn alle unsre Mitarbeiter entlassen sind und daher auch ihrerseits Verständnis für die augenblickliche Situation aufbringen. Unsre Einstellung ...

DER ZEISIG: Aber ...

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Unterbrechen Sie mich nicht. Die Bereinigung der durch die augenblickliche Krise hervorgerufenen Krise zwingt uns, grade von unsern leitenden Angestellten das Vorletzte zu fordern. Das Letzte fordern wir von unsern Arbeitern. Wie lange waren Sie bei uns im Hause?

DER ZEISIG: Zehn Minuten.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Was soll das heißen? Wie lange Sie bei uns angestellt sind ... !

DER ZEISIG: Gar nicht. Ich bin hierhergekommen, um mit Ihnen wegen der Kartell-Satzungen zu sprechen. Ich bin gar nicht bei Ihnen angestellt, Herr Generaldirektor!

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Entschuldigen Sie mich, mein lieber Herr Zeisig! Wenn ich einen Menschen seh, entlasse ich ihn – ich bin schon derartig in der Übung ... ! Entschuldigen Sie mich, Sie verstehn: die Krise ist gelagert.

DER ZEISIG: Piep. Ich bin also hierhergekommen ... es handelt sich um die Satzungen. Der Zeisig gluckst, nimmt allen Mut zusammen, dann heraus: Die Preise sind zu hoch, Herr Generaldirektor!

Dem GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH fallen die Augen aus dem Kopf; er hebt sie auf und setzt sie wieder ein. Die Preise sind zu hoch? Ja, was fällt Ihnen denn eigentlich ein? Haben Sie schon mal ein Kartell gesehn, das seine Preise herabsetzt? Immer hoch den Preis –!

DER ZEISIG: Herr Generaldirektor – die Kundschaft kauft nicht mehr. Alle meine Abnehmer sagen mir das. Die Leute sind arbeitslos und können nicht kaufen. Das heißt: kaufen können sie schon, aber sie können nicht bezahlen.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Sollen sie lieber bezahlen; zu kaufen brauchen sie nicht. Da entlassen wir nun und entlassen, und die Leute wollen immer noch nicht kaufen! Das kann nur börsentechnische Gründe haben.

DER ZEISIG: Steuertechnische vielleicht ... ?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Alles in Deutschland hat steuertechnische Gründe. Lieber Freund, wenn es nach mir ginge, würde ich noch hundert Leute engagieren, damit ich sie am nächsten Ersten entlassen kann. Das wäre gesunde Wirtschaftspolitik! Was wir zum Aufbau brauchen, ist der Abbau – daran ist kein Zweifel. Und da kommen Sie mir mit zu hohen Preisen. Ein Kopf steckt sich zur Tür herein. Der Generaldirektor wird seiner ansichtig und brüllt: Sie sind entlassen! Der entlassene Kopf verschwindet. Kurz und gut, mein lieber Zeisig: es ist nicht daran zu denken. Es sei denn ...

DER ZEISIG: Es sei denn ... ?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Es sei denn, die Regierung entschlösse sich, die Löhne abzuschaffen. Dann könnte man eventuell daran denken, von einer Heraufsetzung der Kartellpreise abzusehn. Aber solange das nicht geschieht, bleiben wir fest, wir und unsre Preise. Merken Sie sich: es kommt nicht darauf an, dass unsre Waren gekauft werden, es kommt darauf an, dass sie hergestellt werden!

DER ZEISIG: Sehr wohl.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Sie kennen die Grundsätze unsres Kartells: man muß vor allem die Unkosten vermindern. Löhne sind Unkosten. Also. Traurig genug, dass wir überhaupt Arbeiter brauchen! Wissen Sie, was Deutschland werden muß?

DER ZEISIG: Bitte?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Exportfähig muß es werden. Am besten, man exportierte das ganze Land – das Geschäft möchte ich machen. Was meinen Sie dazu?

DER ZEISIG: Piep.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Warum sagen Sie in einem fort Piep, Menschenskind? DER ZEISIG: Ich war früher ein Vogel, Herr Generaldirektor.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Sie haben einen –! Kommen Sie mir nicht mit Phantastik, Herr – wenn ich das will, lese ich unsre Geschäftsberichte. Was ist –? Das bezieht sich auf Fräulein Wagenmitte, die Privatsekretärin des Generaldirektors. Draußen hat sie soeben einen Teil ihres kärglichen Gehalts, nicht immer geschlossenen Mundes, verzehrt, und dann hat sie sich die Lippen nachgezogen, weil sie etwas Beßres ist, nein, sie ist etwas Beßres, weil sie sich die Lippen nachzieht, und dann ist sie hereingegangen, ein bißchen stören. Sie tuschelt, das hat der Generaldirektor gern.

DIE WAGENMITTE: Puschpusch – huschelhuschel – tuscheltuschel ...

DER ZEISIG denkt mit dem Solarplexus: Ob man mal mit der ... ? Wenn man mal mit der ... ?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Schön. Tschuldigen einen Moment, Herr ... Herr Zeisig. Bitte schreiben Sie, Frollein. Ähm – an die Zeudag, Magdeburg und so weiter ... Innä ... Inbeantwortungihreswertenschreibensvomneulichen ... Ihnen mit, dass wir eventuell geneigt sind – mm – Ihnen drei Waggon gegen prima ... äh ... Zeisig, kennen Sie die Liechtensteiner Holding-Gesellschaft?

DER ZEISIG, dessen Gedanken grade der Wagenmitte ganz leise das Hemd hochgehoben haben: Holding-Gesellschaft?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Früher eine Dachgesellschaft, jetzt im Keller. Gute Leute; in Deutschland total pleite, also vertrauenswürdig. Kennen Sie nicht? Schreiben Sie, Fräulein Wagenmitte: wir geben nicht. Ich ziehe alles zurück. Nein. Doch nicht. Ja. Doch. Nein. Schreiben Sie: die Andullje liefert, und zwar prompt, und zwar die gewünschten Rohseiden ... ich diktiere Ihnen das nachher.

Wie der Generaldirektor »Rohseiden« sagt, fühlt die Wagenmitte, dass sie im rechten Strumpf ein Loch hat, der Fuß klebt an einer Stelle. Merkwürdig, denkt sie, wer wohl heute Rohseide kaufen kann ... Sie entschwindet.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH sieht ihr nach und sagt: Müßte man auch entlassen. Also, lieber Zeisig – der langen Rede kurzer Sinn: die Preise sind unantastbar. Erst die Regierung – dann wir. Vorleistungen gibt es hier nicht! Wir können nicht. Wir müßten Steuern bezahlen; wir hätten unsre Löhne voll ausbezahlen sollen; wir sollten unsre Gläubiger befriedigen –: also haben wir kein Geld. Und Hitler will auch leben. Waren Sie beim Volksentscheid?

DER ZEISIG: Ehüm. Nein.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Sehr unrecht. Das haben wir finanziert, und Sie gehn nicht hin! Hitler ... der ist aus dem Stroh, aus dem die großen Leute gedroschen werden! Wir haben ihn finanziert – das lenkt ab und ist mal auf alle Fälle gut. Hic Rhodos – hic Domino! Sonst finanzieren wir gar nichts. Denn das erste, was ein tüchtiger Geschäftsmann in jeder Krise zu tun hat, ist: Geld anhalten. Nicht auszahlen. Das ist das einzig Wahre. Ich habe mein Geld nicht gestohlen. Meine Arbeiter haben es ehrlich verdient. Preise herabsetzen! Bei dem Diskont?

DER ZEISIG: Schließlich haben die Banken ja vorher verdient. Der Absatz ...

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Lieber Freund, wir haben von den guten Zeiten profitiert, jetzt sollen die andern auch von den schlechten profitieren. Absatz! Absatz! Die Industrie hat Dreck am Absatz. Verstehn Sie mich! Die Preise bleiben. Ein Mann – ein Wort. Zwei Männer – vier Wörter. 'n Augenblick mal! 'n Augenblick mal ist eine magische Formel: der Generaldirektor sagt es nicht etwa zum Telefon, das geschnarrt hat, weil es zu heiser ist, zu klingeln; er sagt es zum Besucher, der ja nicht klingeln kann. Und telefoniert ausgiebig. Der Zeisig freut sich, wie schön rechteckig der Plafond gebaut ist. Als er sich genug gefreut hat, fängt Generaldirektor Klempnerskirch das Gespräch erst richtig an. Dem Zeisig wird der Plafond langsam oval. Auch schmerzen ihn beim Sitzen seine Hämorrhoiden, die so lästig sind, weil sie kein Mensch richtig schreiben kann. Nun ist der Kirchenklempner soweit.

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Sie kommen mir grade so vor wie der Mann, der da vorhin auf Ihrem Stuhl gesessen hat. Sagt der Mann, einer von der Plavag, zu mir, ob ich nicht mein Geld in seine Fabrik stecken will! Ich? Mein Geld? Ich bin doch kein Spieler! Ich trage die Verantwortung, da brauch ich doch nicht noch mein Geld zu riskieren! Der Zeisig flattert schwach, doch der Generaldirektor macht Husch und fährt fort: Wir brauchen höhere Preise, damit wir billiger herstellen können! Das begreift doch ein Kind! Wir brauchen teure Inlandspreise, weil wir billige Exportpreise haben müssen! Und hohe Zölle, natürlich – damit das Land nicht von fremden Waren überschwemmt wird!

DER ZEISIG: Ich bin ruiniert!

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Da kann man nur gratulieren!

DER ZEISIG: Was soll ich tun?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH: Verschaffen Sie sich eine Geschäftsaufsicht und markieren Sie da den starken Mann, das kann der schwächste! Der Zeisig will etwas piepen, aber der Generaldirektor läßt ihn kein Ei legen. Und ich sage Ihnen – ich gehe von dem Standpunkt aus: wer nicht ißt, braucht auch nicht zu arbeiten! Wir haben hier, verstehn Sie mich, das Risiko getragen, verstehn Sie mich; wir haben das Risiko getragen, ich habe das Risiko getragen, bis nach der Schweiz hab ich es getragen, und die Anktankte-Staaten sind verpflichtet, verstehn Sie mich, Deutschland Geld zu geben, sonst geht es unter, und jene mit uns! Brüning wirds schaffen, da gibts an der Börse nur eine Stimme, und wenn die Börse was sagt, dann können Sie Gift drauf nehmen; es ist sowieso das einzige, was Ihnen dann noch übrig bleibt.

DER ZEISIG: Ist das Ihr letztes Wort?

GENERALDIREKTOR KLEMPNERSKIRCH hat sich aufgerichtet, ein wenig schräg, die Unterarme sind auf die Sessellehne gestützt, die Faust ist schwach geballt: Wenn Sie vielleicht glauben, dass sich jemals ein deutscher Industrieller so albern benimmt, wie mich der Herr Hauser hier schildert, da irren Sie sich! Lesen Sie unsre Syndikatsbeschlüsse nach! Wir sind das Mark, was! wir sind die Rückenmärker der deutschen Wirtschaft! Herr Zeisig, ich habe Ihnen nur noch das eine zu sagen, was ich seit Monaten allen Leuten sage: Herr Zeisig, Sie sind entlassen –!

Der Zeisig riskiert eine zahme Verbeugung, die unbeachtet bleibt, und entflattert. Draußen fällt er beinah über die Wagenmitte, die ihn entrüstet von sich abstaubt.

Auf der Straße vor der riesigen Zwingburg der Andullje steht der Zeisig und will über den Damm hüpfen. Was müßte man mit diesen Kerlen machen? denkt er. Da naht ein Wagen und fährt ihn beinah um und um. Es ist ein grüner Wagen. Der Zeisig sieht ihm gedankenvoll nach. Wenn Sie sich beeilen, können Sie ihn noch stehn sehn –: Tauben- und Jägerstraßen-Ecke.

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 22.09.1931, Nr. 38, S. 444.





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