Ludwig Bauer, »Morgen wieder Krieg«


Ludwig Bauer »Morgen wieder Krieg« (erschienen bei Ernst Rowohlt in Berlin).

Das Buch hat ein merkwürdiges Schicksal: soweit ich das übersehen kann, ist es fast ganz totgeschwiegen worden. Warum wohl –? »Emil«, sagt ein altes berliner Lied, »Emil mit dem Doppelkinn, du paßt in keene Wieje nich mehr rin!« Dieses außerordentlich gescheite Buch paßt in keine der heute geltenden Kategorien, es ist nämlich mit dem gesunden Menschenverstand geschrieben worden.

Der kommt nicht nur in Sachen Deutschland zu Folgerungen, die nur in Deutschland als fürchterliche Ketzerein gelten. Ich wünschte, eine Hitlerregierung erfüllte wenigstens eine ihrer dreitausend Versprechungen, wenigstens diese eine. Sie rolle die Kriegsschuldfrage noch einmal auf. Was wird sie ernten? Empörung? Grimmigen Widerstand? Innere Einkehr der Feinde, wie diese Nazis glauben, die von Europa nichts kennen? Sie werden auf völlige Verständnislosigkeit stoßen – es wird niemals zu ernsten Verhandlungen kommen, weil es diese Frage nicht mehr gibt. Bauer sagt: »Nehmen wir an, es geschähe ein Wunder, es würden heute zwei Briefe vom Zaren und Poincaré aufgefunden, Anfang Juli 1914 geschrieben, darin stände schwarz auf weiß: wir fallen jetzt über Deutschland her, wir sind glücklich, dass endlich diese Gelegenheit gekommen ist, wir schieben Deutschland die Verantwortlichkeit zu und werden so erreichen, dass alle Welt unser Bundesgenosse wird – nun wohl, was würde dann geschehen? Nichts. Es gäbe eine Sensation, unendlichen Lärm, aber die Mächte würden nicht wieder in Paris zusammenkommen, die alten Grenzen neuerdings herstellen, die Wiedergutmachungen zurückerstatten, die Verträge zerreißen ... Denn die Staaten sind nun so, wie sie geschaffen wurden, sie tragen in sich das Recht des Bestehenden. Der deutsche Unschuldsbeweis ist undenkbar, weil es eben keine deutsche Unschuld 1914 gibt; aber sogar wenn er unwiderleglich erbracht werden könnte, würde er nicht mehr bewirken als ein Achselzucken.«

Die Vorschläge, die das Buch macht, um diesen wahnwitzig gewordenen Kontinent zu retten, diese Vorschläge erscheinen mir unzureichend. Eine Propagandastelle etwa gegen die nationale Lüge ... das halte ich nicht für durchführbar. Es ist alles viel zu spät, und man wird das auch niemals tun. Aber die Schilderung des Bestehenden, die Schilderung Europas, so, wie es nun einmal ist, die ist gut gelungen. Es gibt einige deutsche Diplomaten, die wissen Bescheid – sehr intelligent ist der adlige Durchschnitt nicht, aber so dumm ist er wieder nicht, um nicht einigermaßen die deutschen Chancen zu sehn. Sie wissen es. Es gibt Referenten im Auswärtigen Amt, die kennen ihre Verhandlungspartner. Aber gestoßen, geknufft und umbrüllt von den tobenden Stammtischen in Prenzlau und Sangerhausen, in Greiz, Gera und Weimar stehn die Vertreter des Deutschen Reiches im Ausland da wie die Hanswurste: sie sollen etwas erreichen, was niemand erreichen kann. Ludwig Bauer sieht, was kommen wird, erbarmungslos klar – für wen hat er das geschrieben?

Für die Majorität der Deutschen einmal sicherlich nicht.

Für die haben die stärkern Bataillone recht, so sehen sie auch den chinesisch-japanischen Konflikt an – immer feste druff! Doch gilt die Theorie von den starken Bataillonen dann nicht, wenn Deutschland besiegt wird – dann ist Krieg bitterstes Unrecht. Krieg muß sein, aber nur, wenn Deutschland siegt. Wie die dummen Jungen. Und sie freuen sich so, wenn dieser Völkerbund versagt!

Er muß versagen, denn es gibt ihn gar nicht. Bauer setzt auseinander, wie gefährlich die genfer Komödie ist: sie kompromittiert eine gute Idee. Gibt es einen Völkerbund? Es gibt keinen. Das glauben nur noch so brave Pazifisten wie Hans Wehberg – aber die gibt es auch nicht, und so gleicht sich alles im Leben aus. Wir werden uns im nächsten Krieg wiedersprechen.

Der Völkerbund existiert nicht, weil kein Staat auch nur auf ein Partikelchen seiner absoluten Souveränität verzichtet hat – und nur so könnte er entstehen und bestehn. Deutschland hat am allerwenigsten das Recht, ihn zu kritisieren. Wer einen so barbarischen Nationalismus will und bejaht, der mache seinen Krieg und schweige, wenn von Pazifismus die Rede ist.

Ludwig Bauer aber sei allen empfohlen, die sich noch ein Restchen jenes Menschenverstandes bewahrt haben, der heute als Rationalismus und Liberalismus von wild gewordenen Analphabeten angeprangert wird.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright