Wie war es –? So war es –!


Sehr geehrter Herr Professor!

Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch sowie im letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, im Jahre 1991, und halten den Blick rückwärts gewendet, wie Ihr Beruf es befiehlt. Sie lehren Geschichte – Sie schreiben Geschichte – Sie studieren Geschichte. Sie halten gerade bei den Jahren um 1914, und Sie fragen sich und die Geschichtsliteratur: Wie ist es gewesen?

Ich will Ihnen zuerst sagen, wie es nicht gewesen ist. An den Türen unserer Zeit, Herr Professor, da, wo der Weg in die Nachwelt führt – auf den Lehrstühlen der Geschichte, in den Geschichtswerken, in den Archiven: da saßen in unserm Zeitalter die Vertreter einer Klasse und achteten darauf, dass sie gut auf die Nachwelt kämen. Die Aktenstücke, die der Klasse abträglich sein können, haben sie vernichtet; den guten Ruf ihrer Gegner auch. Den Nachweis der eigenen Unfähigkeit auch. Sie fragen, Herr Professor, wer diese Klasse gewesen sei –?

Ich kenne Sie nicht, Herr Professor, und ich kann nicht wissen, in was für einem Zeitalter Sie leben: ob wiederum in einem bürgerlichen, wo die Ausbeuter Schweiß und Geld aus dem Arbeitenden keltern und zur Belohnung dafür gut leben dürfen – oder aber ob Sie sich schon in einer fortgeschrittenen Epoche befinden, wo der Arbeitende sich seinen Lohn hundertprozentig verdient, ohne dass er genötigt ist, von seiner Hände Arbeit noch andere, wohlhabende Familien zu ernähren. Wenn Sie in einem Volksstaat zu leben das Glück haben, Herr Professor – dann werden Sie wissen, wer die Hofhunde sind, die unsern Ausgang zur Nachwelt bewachen. Wenn Sie aber noch in einem zurückgebliebenen, also bürgerlich-kapitalistischen Staat leben, dann will ich Ihnen erklären, wer uns für die Nachwelt gefälscht hat und täglich fälscht; wer lügt, leugnet, Akten stiehlt, Briefe vernichtet und Dokumente unterschlägt. Es sind der Bürger und seine Angestellten: der Kriegsknecht, der Wächter der Börse, der Diplomat und der bezahlte, feile Universitätsprofessor.

Wenn Sie auch so einer sind, Herr Professor, dann lesen Sie nur die offizielle Geschichtsschreibung unserer Tage und gehaben Sie sich wohl.

Wenn Sie aber die Wahrheit suchen, Herr Professor, dann begnügen Sie sich nicht damit – halten Sie Ihr Ohr an diese Blätter und lauschen Sie auf den Schrei, der aus ihnen steigt: es ist der Schrei einer geschundenen, betrogenen, mißhandelten Welt, die nie Rache an ihren Peinigern genommen hat, dazu ist sie zu deutsch gewesen, Herr Professor – aber diese Welt will wenigstens eines: sie möchte so auf die Nachwelt kommen, wie sie wirklich gewesen ist.

Wir haben ein Reichsarchiv, Herr Professor, bezahlt vom Gelde der Allgemeinheit, das lügt, lügt, lügt. Glauben Sie ihm kein Wort – es sind Interessierte, Herr Professor, die da schreiben dürfen. Allein wichtig ist vor allem, was Sie in Ihren Schriften und im ganzen Archiv niemals finden werden: die Klagen und die Tränen eines unterdrückten Volkes, dessen guter Wille zu groß und dessen revolutionäre Kraft immer zu klein gewesen ist. Glauben Sie dem Reichsarchiv nicht. So ist es nicht gewesen.

Wir haben Professoren, Herr Professor, die lehren auf den Universitäten Geschichte – aber sie lehren die Wahrheit nicht, weil sie entweder die Wahrheit nicht kennen, oder aber sie kennen sie und wagen nicht, sie zu lehren. Man würde sie verjagen, Herr Professor – denn diese Wahrheit wäre den Interessen der Auftraggeber abträglich. Glauben Sie auch denen nicht. So ist es nicht gewesen.

Wenn Sie wirklich die Wahrheit kennen lernen wollen, dann halten Sie sich an die unmittelbaren Quellen, lesen Sie die Schriften der Beteiligten, der Gequälten, die Schriften derer, die ausfressen mußten, was andere ihnen eingebrockt haben. Da werden Sie sehen, wie es wirklich gewesen ist. Und hier ist so eine Schrift.

Dieser Mann hier, Herr Professor, ist kein Literat. Erwarten Sie keine gelehrte Darstellung historischer Vorgänge – die kann dieser nicht geben. Erwarten Sie auch keine künstlerische Durchbildung des Stoffes, keinen glanzvollen Aufbau der Handlung, keinen geistvollen Dialog – erwarten Sie etwas viel Schlichteres. Erwarten Sie die Wahrheit.

Dieser Mann hat im Kriege als Matrose gedient – man hat ihn dazu gezwungen, Herr Professor, ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist. Bei uns ist das so gewesen. Sie werden sehen, wie mit der abnehmenden Nahrung, die für die Offiziere (eine Art Halbgötter unserer Zeit, Herr Professor – sie standen etwas unter dem Durchschnittsmenschen) die also für die Offiziere reserviert war, in der Marine eine Zunahme der Unzufriedenheit einherging – und dieser Unzufriedenheit gaben die Matrosen geradezu rührenden Ausdruck. Sie waren politisch ganz ungeschult; wenn Sie sich die Mühe machen, Herr Professor, einmal die Zimmerwalder Protokolle durchzulesen, so werden Sie sehen, wie so etwas von echten Revolutionären gemacht worden ist. Davon war hier gar keine Rede. Dies waren uniformierte Arbeiter, die erst dumpf, dann deutlich und deutlicher ahnten und dann wußten, dass man sie betrog; dass der Krieg ein gigantisches Geschäft war, das jederzeit hätte aufhören können – Männer, die ihre Zeit, ihre besten Jahre, ihre Arbeitskraft und, wenns darauf ankam, ihr Leben für eine Sache riskierten, die sie in Wahrheit einen Dreck anging. Man hatte ihnen das auf der Schule so beigebracht, Herr Professor, sie konnten nichts dafür.

Und als sie merkten, dass sie betrogen wurden, da rotteten sie sich zusammen – und taten was? Sie schlugen ihre Peiniger tot? Sie hieben alles kurz und klein? Sie warfen die Offiziere ins Meer? heizten die Kessel? und fuhren – – wie? Ach, Herr Professor! Wir sind in Deutschland. Nichts dergleichen geschah.

Sie schrieben kleine Zettel. Sie murrten. Sie machten bittere Witze. Sie rissen auch einmal aus und hielten Reden. Noch nicht der Hundertste von ihnen wußte, wie man eine wirkliche Revolution inszeniert. Aber sie hatten Mut – viel, viel mehr Mut als die ausgelaugte, abgelaschte und niedergekämpfte Landtruppe, die nicht einmal das gewagt hätte. Vergessen Sie bitte nicht, Herr Professor, dass es schon ungeheuerlich, für preußische Gehirne ungeheuerlich viel gewesen war, was jene taten. Auflehnung! Meuterei! Staatsumwälzung! Du lieber Gott. So weit sind sie im Jahre 1917 noch nicht gewesen. Zu politischen Befreiern wurden sie erst im Jahre 1918.

In diese dumpfe Unzufriedenheit, der immerhin von Männern Ausdruck verliehen wurde, die Murr in den Knochen hatten, griff die ›Obrigkeit‹ ein. Die Obrigkeit, Herr Professor, bestand aus reklamierten, gut bezahlten, bunt dekorierten und akademisch gebildeten oder militärisch erzogenen, also halbgebildeten Individuen, die mit kräftiger Faust dazwischen hackten. Was sie taten? Nicht viel, Herr Professor – sie begingen nur einen kleinen Justizmord.

Sie werden die Rolle des Dobring kennen lernen, Herr Professor, eines Menschen, der, während ich dieses schreibe, noch Beamter der Justiz ist – er ist noch als Richter tätig, nach diesen Leistungen, Herr Professor, ja, er darf noch über Menschen richten ... über lebende Menschen, Herr Professor. Dieser also, der nie zur See gefahren war, der nie eine Seeschlacht mitgemacht, der nie sein Leben zu riskieren hatte, der hackte dazwischen. Er hatte das größte Interesse daran, aus der Sache das zu machen, was man eine ›Affäre‹ nennt: denn je größer die angebliche Meuterei, desto größer sein Verdienst, sie abgedreht zu haben. War keine Meuterei da –? Aber dann machte er sie eben.

Er machte sie. Er und alle seine uniformierten Komplicen, Herr Professor – sie erfanden sich, was ihnen fehlte. Und es fehlte ihnen eine ganze Menge. Denn was hatten diese Matrosen denn in Wahrheit getan? Sie hatten, und das war allerdings gefährlich, zu denken begonnen. Sie hatten zu zweifeln angefangen. Sie wollten doch einmal sehen, was eigentlich unter der Fahne des Vaterlandes verborgen lag ...

Das kostete zweien von ihnen das junge Leben. Der dritte, den sie unter andern herkriegten, streifte das Band ganz nahe, mit dem man ihm die Augen verbinden wollte, er sah es schon, es kam näher ... da, in der Lotterie der Justiz gewann er. Er wurde begnadigt. Verzeihen Sie, wenn ich diesen blödsinnigen Ausdruck anwende, Herr Professor, er ist mir so herausgerutscht, weil er Sprachgebrauch ist. Was haben denn diese uniformierten Schinder schon für eine ›Gnade‹ auszuteilen? Gnade ist bei Gott, wenn Sie wollen – das da sind Untermenschen, sie haben nichts zu begnadigen. Also dieser wurde nicht ermordet. So ist das gewesen.

Und weil sie ihn nicht ermordet haben wie die andern, so kann er uns erzählen, was er erlebt hat. Er sagt es: einfach, auf der Basis einer Schulbildung, wie sie ihm sein Staat, der das Geld der Steuerzahler in Pulverdampf auflöste und keines hatte für anständige Volksschulen, ermöglicht hat – er sagt es klar, schlicht und ruhig – und Sie haben die seltene Möglichkeit, Herr Professor, das Ding einmal von unten zu sehen: mit Shakespeareschen Augen sozusagen, von der Perspektive des Leidenden her ... Das sieht dann ganz, ganz anders aus als die Geschichtsbücher, Herr Professor.

Wie das Leben auf den Schiffen wirklich gewesen ist; wie die Offiziere der eigenen Mannschaft das Essen vom Munde weggestohlen haben; wie sie soffen und fraßen, immer vor den Augen derer, die sie dazu auch noch schlecht behandelten ... was! schlecht behandelten! ... die sie in ihrer Menschenwürde schändeten, wo sie nur konnten, mit seltenen Ausnahmen – so ist es gewesen. Wie die Unzufriedenheit aufglomm, wie der Funke sich die Schiffe hindurchfraß; wie die Luft dick wurde und schwer; wie die Sache aufkam, wie der Staat, der Verbrecher, zugriff und irgendwelche Leute herausholte, weil die ja nicht wiederschlagen konnten – und wie sie dann vor Gericht langsam, langsam abgewürgt wurden. Das lesen Sie nur recht sorgfältig, Herr Professor – denn da können Sie etwas lernen. Von unserer Zeit und von der Beschaffenheit der Gerichtsfunktionäre und von der Schuftigkeit dieser Juristen und von der völligen Ohnmacht der ›Angeklagten‹ – das lesen Sie nur recht sorgfältig.

Und wenn Sie es zu Ende gelesen haben, Herr Professor, dann vergleichen Sie diese Darstellung eines einfachen Mannes mit den bombastischen Beschreibungen des Reichsarchivs, der Generale, der Admirale – kurz: der Schuldigen.

Und Sie werden finden:

Was dieser hier schreibt, ist eine Anklagerede – was die da schreiben, ist ein Plädoyer. Wem sollen Sie nun glauben, Sie, der Richter der Nachwelt –?

Ob einer die Wahrheit schreibt, Herr Professor, das kann man hören. Allerletzten Endes gibt es gar keine andere Möglichkeit, die Wahrheit ausfindig zu machen. Zahlen können trügen – Statistiken erst recht – Dokumente können gefälscht, geschickt ausgewählt, zusammengestrichen sein ... aber der Ton der Wahrheit, die Musik der Wahrheit –: das täuscht nie. Haben Sie Ohren, Herr Professor? Dann hören Sie, was da klingt.

Nun sitzen Sie in Ihrem Lehnstuhl, es ist spät, und um Sie ist es ganz still. Ihr Blick ist in die Vergangenheit gewandt, wie Ihr Beruf es befiehlt. Schatten umtanzen Sie, haschen nach Ihren Händen, Sie sollen schreiben ... schreiben ... sagen, wie es gewesen ist. »So und so war es« und: »Sagen Sie auch noch, dass ... « und: »Man hat uns gequält!« – »Gepeinigt!« – »Gemartert!« – »Belogen!« – Stumme Schreie, Schatten winden sich um Ihr Gehirn ... die Vergangenheit ruft, schreit, bettelt, fleht, jammert, klagt an, klagt an –!

Haben Sie Ohren, Herr Professor? Dann hören Sie, wie es gewesen ist. Und pfeifen Sie auf die Lügen der Offiziellen. Und sagen Sie Ihren Zeitgenossen, wie es ausgesehen hat in der deutschen Kriegsmarine und im ganzen Heer und in ganz Deutschland – und was der einfache Mann gelitten hat und was der komplizierte, gerissene Mann gesoffen und verdient hat – sagen Sie es! sagen Sie es! Damit die Menschen lernen. Damit sie sich von Ekel geschüttelt abwenden. Damit sie ihre Kinder in der Gesinnung des Friedens aufziehen und nicht verkommen lassen als uniformierte Akademiker, als Richter dieser Qualität, als Offiziere dieser Beschaffenheit.

Wir sind tot, wenn Sie dies lesen, Herr Professor. Aber unsere Stimmen steigen noch aus der Erde auf, beschwörend, mahnend, anklagend – – Wie war es?

So war es.

 

 

Ignaz Wrobel

Sonntagszeitung, 28.10.1928

(Vorrede zu dem Buch des Matrosen Hans Beckers

»Wie ich zum Tode verurteilt wurde«,

Ernst Oldenburg Verlag, Leipzig 1928).





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