Ein weißer Rabe


Im Verlag Neues Vaterland zu Berlin ist ein kleines Heft erschienen, das heißt: ›Das verlorene Afrika‹ und ist von Hans Paasche, Kapitänleutnant a. D. Ein Idealist, ein Wahrheitsfreund, ein weißer Rabe.

Paasche ist unten in den deutsch-afrikanischen Kolonien gewesen – und erzählt von der deutschen Kulturarbeit da unten, und davon, was er unter dieser Kultur gelitten hat, und endlich, endlich steht das erlösende Wort da: »Eine Änderung des Denkens tut not.« Haben wir das in der Revolution oft gehört?

Von den Kolonien ausgehend, behandelt Paasche nun dieses wilhelminische Deutschland, und man kann es nicht genug behandeln – nur nicht sanft. Man kann nicht oft genug wie Paasche sagen, dass alles, aber auch alles schief und schlecht in diesem Lande gewesen ist, soweit es sich zu einer – sagen wir: Geistigkeit manifestierte, Grade die gipsernen Ideale dieser nicht genügend zerstörten Welt müssen gänzlich entzweigeschlagen werden, ehe an die Errichtung neuer zu denken ist. Wir sehen doch täglich, wie die Leute an diesen alten Kriegervereinstiraden hängen – und grade um die geht es.

Paasche spricht vom Spuk ›Schwarz-Weiß-Rot‹. Der ist verdammt real. Heute noch. Und fast alle Leute glauben an Gespenster.

Paasche zählt auf, was da gespielt worden ist: die Roheit der herrschenden Macht, der Aberglaube an die geistliche Gewalt, die falsche und schlechte Ambition, die Welt zu beherrschen (ohne die Mittel, sie zu beherrschen – das war das Schlimmste), die mangelnde Intelligenz und die unerhörte Verbohrtheit dieses Volkes.

Beschmutze nicht dein Nest – wispert es, schreit es, dröhnt es. Wir könnens nicht mehr: Ihr habts reichlich besorgt. Und Paasches Name ist nicht Thersites, sondern Herkules im Augiasstall.

Wenn der gereinigt ist, dann mögt ihr wieder Kolonien aufmachen. Eher nicht.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 04.12.1919, Nr. 50, S. 709.





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