Kleiner Mann vor der Weinstube


Einmal stand ich nachts um halb eins vor einer Likörstube am Potsdamer Platz. Ging ja hoch her – diddeldumdei! Da drinnen soff das durch den Versailler Schandvertrag geknebelte Volk sich kolossal einen an – die Leute, die herauskamen, schwitzten den schlechten Alkohol durch die Poren, ihre Augen waren sanft verglast, als hätten sie ein Kolleg des Theosophen Steiner mitangehört. Ab und zu kam, wie ein paar Kugeln aus der Kanone abgeschossen, ein beschwipstes Paar aus dem Laden heraus – sie immerzu lachend und er vergnügt-zornig und ununterbrochen redend. Dann entschwanden sie gen Cythere ... Und drinnen toste die Schnapsschlacht weiter.

Vor dem Schaufenster aber, in dem ein paar leere Flaschen prunkend aufgebaut waren, stand ein ganz kleiner, zerlumpt anzusehender Mann. Er hatte keinen Kragen und war von oben bis unten in eine Kruste Schmutz gekleidet, die man bei sehr milder Prüfung als Anzug ansprechen konnte. Es war wohl auch einmal einer gewesen. Er hatte vergnügte kleine Äuglein, war aber vollkommen nüchtern. Ein kleiner gutmütiger Bart hing ihm schüchtern unter der Nase.

Da stand er und horchte auf den fröhlichen Lärm in der Schankverschleißstätte. Und jedes Mal, wenn ein des süßen Weines voller Mann besonders laut brüllte, dann wackelte er vergnügt mit dem Kopf, und seine Schultern zuckten. Das ganze kleine Körperchen schüttelte sich vor Vergnügen. Er war ja ganz nüchtern: aber er freute sich, dass es noch Leute gab, die das Geld hatten, sich derart zu besaufen. Er hatte kein Geld, sich einen Rausch zu kaufen: nun berauschte er sich hier an dem Schwips der andern. Das gab es also noch – Gottseidank! Und der kleine Mann strahlte.

Ich blieb zwanzig Minuten stehen und beobachtete ihn. Bei jedem Krach, bei jedem Hallo, bei jedem Schlachtgeschrei, den das Dividendenwasser den durstigen Kehlen entlockte, zuckte er zusammen und freute sich. Nach zwanzig Minuten ging er. Herzensfroh, im tiefsten befriedigt und durchaus vergnügt: er hatte sich himmlisch amüsiert und machte nun froh nach Hause. Ein zufriedner Zaungast bei der Freude der andern. Und also ein Untertan nach Hergts und Helfferichs Herzen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 21.09.1922, Nr. 38, S. 221.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright