Voltaire im Grünen


Er stand gar nicht im Grünen, sondern ganz anderswo – aber weil ich ein feiner Herr bin, soll es heißen: »Im Grünen.«

Hier gab es einmal ein französisches Hospital, es liegt mitten unter alten Bäumen, hinter Häusern einer belebten Straße, und es stammt noch aus der Zeit, wo die Nationen einander wenigstens in den rein menschlichen Angelegenheiten halfen und wo man bei Kranken nicht unterschied, welcher Stempel auf ihrem Paß stand und wohin sie »zuständig« waren. Es ist ein einfacher, viereckiger Kasten, gar nicht sehr schön – aber sein Bau war doch diktiert von den Geboten der Menschlichkeit, und noch liegt es wie als Hauch einer alten feinen Humanität über dem Steinbau. Französische Bibelsprüche zieren den Eingang und den Ausgang – wie klingt das unsern Ohren: »Bénis sont ceux ... la miséricorde ... « – Ein Heiland hält segnend seine Hände und segnet uns, die wir da eintreten. Aber wir gehen nicht zu ihm. Wir gehen zu dem Steueramt, das jetzt diese Räume bewohnt (in Deutschland heißt so etwas »Finanzamt«) – und hinter jeder Tür, wo einstmals alte Frauen und alte Männer die letzten Stunden ihres Lebensabends verdämmerten, umgeben von treuer Pflege und frommen Sprüchen – hinter allen diesen Türen sitzen jetzt wahrhaftige Steuerobersekretäre und pinseln in ihren Akten. Denn das ist sehr wichtig. Und wie ich so durch die etwas vernachlässigten Gartenanlagen rings um das Haus gehe und auf den gewundenen Wegen umherbummele und mir meine Beine auf dem wackersteingepflasterten Hof lahm trete – da sehe ich etwas sehr Seltsames.

Neben einem Misthaufen – wir wollen doch die Sache beim Namen nennen! – steht eine ehemals weiße Büste. Grüne Büsche wachsen drum herum – Glasscherben, Papierfetzen bedecken den Boden ... Ich trete näher. Es ist Voltaire. Der große Mann steht, spitznasig und ein bißchen abgestoßen, im Grünen neben dem Komposthügel und sieht sich seine Umgebung an. Man hat nicht den Eindruck, dass er sich über irgend etwas wundert! – das hat er schon zu seinen Lebzeiten nicht getan, und heute tut er es erst recht nicht. Aber er steht da, gar nicht einmal übermütig und deklassiert, sondern recht vergnügt und mit jenem leisen, feinen Lächeln in den Lippen, das ein ganzes Jahrhundert gefürchtet, gehaßt, bewundert und bejubelt hat. Seine etwas schmalen Augen sehen amüsiert in der Gegend umher und betrachten alles: den Dunghaufen, das frische Grün, die kleine Bretterbude und den viereckigen Steinbaukasten, in dem er einmal gewohnt hat und den er nun von außen ansehen darf. Einmal hat er da drinnen gestanden. Einmal hat man sich etwas dabei gedacht, als man ihn auf ein kleines Postament setzte und zu ihm aufschaute – sicherlich nicht wie zu einer Gottheit, aber doch wie zu einem überkommenen, alten Freund – zu einem, über den nicht zu diskutieren war. Er vertrat die helle, klare Vernunft, und wenn irgend etwas los war, etwas Unerquickliches oder etwas Mystisch-Benebeltes – dann hatte man nur nötig, zu ihm aufzublicken, und es war schon viel gewonnen: er stand da, lächelte spitz und etwas rätselhaft und war überhaupt vorhanden. Da konnte der Herr Vorsteher so viel schimpfen ... Er hatte einmal einem ganzen dunkeln Erdteil ein Licht aufgesteckt, und das hier war geblieben. Die Büste und der Glaube an ihn und die Tradition. Sicherlich hatte der bewegliche Herr mit den Netz- und Altersfältchen auf dem Gesicht neben seinen Meriten auch seine Schrullen gehabt, er war zänkisch gewesen, falsch, komödiantisch – Franzose und noch einmal Franzose – aber welch quellenklarer Geist! – Die kleinen Menschlichkeiten waren abgefallen – und geblieben war dieses. Und da hatte er gestanden, beachtet, bejaht und verstanden. Jetzt stand er im Grünen. Neben dem Dunghaufen stand er, und ich stand auch da, und wir sahen uns an. Und lächelten beide. Er weiß Bescheid. Darum lächelt er. Ihm macht es nichts, dass er heute hier am Boden steht und dass oben an seinem ehemaligen Platz das »II. Dienstreglement für die Ausweisung in Steuer- und Buchungssachen der Abteilung IV c« hängt. All das hat es zu seiner Zeit auch gegeben: Beamte, die Selbstzweck geworden waren, eine wacklige Justiz, eine brüchige Finanzverwaltung, Pfaffen und Verdummte, Parteivorsitzende, die nichts waren als das – und über allem die falsche Gloriole des Staates. Er lächelt. Wo auch immer die Vernunft stehen mag: einmal wird sie siegen.

Aber jetzt flattert wahrhaftig ein Huhn auf den Kopf des Herrn Arouet und schlägt mit den Flügeln und plustert sich auf und schüttelt sich, und wenns gut geht, wird ihm nichts geschehen. Aber ihm kann nichts geschehen. Auch in diesem Lande der entthronten Vernunft steht er, Voltaire, im Grünen und lächelt.

 

 

Peter Panter

Prager Tageblatt, 20.12.1925.





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