Ilja Ehrenburg, ›Visum der Zeit‹


Einen Baedeker durch die Zeit gibt Ilja Ehrenburg ›Visum der Zeit‹ (erschienen bei Paul List in Leipzig). Sehr lesenswert. Ich kann Ihnen nichts daraus zitieren; es ist alles so ineinanderverflochten, dass ich nicht schneiden mag. (Wenn man von dem reizenden Satz absieht, dass die französischen Dichter immer grade für genau zwölf Francs dichten, ungefähr 300 Seiten, keinesfalls mehr ... ) Es ist viel Witz in diesen Schilderungen – ein gelassener Witz. Ein merkwürdiges Buch. Das Buch ist so traurig – es ist ein braunes Europa, das da geschildert wird. Ehrenburg hat sehr viele Länder bereist, einige davon kenne ich auch, und ich muß bewundern, mit welcher Geschicklichkeit er sich in den Geist und in die Seele dieser Länder eingelebt hat. Bei den slawischen hat er das natürlich leichter als unsereiner – aber auch bei den andern ist es ihm gelungen. Die ›Rote Fahne‹ hat neulich bestritten, dass Ehrenburg den ›richtigen Marxismus‹ adhibiere – ich weiß zum Glück nicht, was das ist. Aber dass in diesem Buch keine Zeile ist, die nicht auf das tiefe tragische Wirtschaftsdurcheinander hinweist, das weiß ich. Besonders schön ist, wie er überall den Bauern versteht, die Erde, das Wasser – das, was unter der Zivilisation ist. »Der Demokratismus des dörflichen Georgien ist aristokratisch. Ich erinnere mich, dass Gorki von einem ähnlichen Aristokratismus der italienischen Arbeiter schrieb. Es ist die hohe Fähigkeit, zu leben, ohne die Erde und den Menschen zu beleidigen.« That's. Vielleicht lernen wir das bei den Artamanen? Ich glaube es nicht





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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