Die Verteidigung Berlins


Neulich habe ich hier von den Leuten erzählt, die am Rande des Reichtums wohnen.

»Man möchte wünschen,« schreibt ein Leser, »Sie nähmen nicht nur die am Rande des Reichtums, sondern den Reichtum selber in seinen Eitelkeiten einmal unter die Lupe. Die Kreise, die sich blamiert vorkommen, wenn sie in irgendeiner kleinen Äußerlichkeit hinter dem zurückbleiben, was ›man‹ tut, ... diese Typen gedeihen in Reinkultur ausschließlich in Berlin. Wenn wir in der vielgescholtenen Provinz uns weigern, uns diese Gesellschaft zum Vorbild zu nehmen, dann braucht sich kein Berliner zu wundern, dass er überall – außer in seiner Metropole – eine Karikatur ist und bleibt, und dass niemand aus den Kreisen zivilisierter Provinzler auf Reisen nichts mehr scheut als das Zusammentreffen mit Berlinern.« Da hastes.

Zunächst haben einmal beide Teile herrlich unrecht.

Berlin; wenn es auf die Provinz schilt. Denn diese Provinz ist gar nicht so provinziell, wie mancher Großstädter glaubt; Deutschland ist in der beneidenswerten Lage, ein dezentralisiertes Land zu sein, und während es in Frankreich kein Klein-Paris gibt, gibt es bei uns viel Kulturzentren, gerade in der Provinz. Eine »Provinz«, wie sie im Schwank vorkommt, mag es geben – die Mehrzahl der deutschen großen Provinzstädte aber darf nicht einfach in den großen Topf geworfen werden, in dem schrullige Kleinstadtoriginale liegen. Das ist einfach falsch.

Unrecht hat die Provinz, wenn sie Berlin so verzerrt sieht.

Natürlich gibt es Parvenus und reiche Snobs überall; dass sie in einer Großstadt numerisch stärker sind als in Magdeburg, ist kein Argument gegen die Großstadt. Was hat der Berliner nur dem Provinzler getan?

Der läßt ihn – wie oben – den sehnsüchtigen Arger entgelten, nicht in Berlin leben zu können, und in dieser Sehnsucht ist – bei aller Bewunderung – so viel Irrtum!

»Das Theater!« – »Die geistige Anregung!« – »Da sieht man doch etwas ... !« Sehr freundlich. Aber diese Bewunderer vergessen, dass neben solchen Kreditkonten doch auch beträchtliche Debets stehen: die Abzappelei, die verzehnfachten Schwingungen der Nerven, dieses »Zunichtskommen« – woran nicht nur der Großstädter, sondern auch die große Stadt schuld ist. Berlin hat sicherlich das beste Theater des Reichs – aber davon allein kann man nicht leben. Und niemand ist so ungerecht gegen die Provinz wie der Provinzler.

Bernard Shaw hat einmal darauf hingewiesen, dass der Mann, der so herzbrechend über seine Familie stöhnt, dieser unrecht tut – »der Onkel Franz,« sagt er ungefähr, »der so albern Briefmarken sammelt, den gibt es überall, nicht nur in deiner Familie; die eifersüchtige Hilde und das monotone Friedchen und die ehrsüchtige Eugenie und den kleinlich beschränkten Papa – aus solchen Menschen setzt sich eben die Welt zusammen, und du hast in deiner kleinen Welt die große – o klage nicht!« – »Bei uns,« klagt es in der Provinz, »gibt es nur Kaffern und Mucker und kleine Leute und Geschäftemacher und Banausen –« Und in Berlin? Glaubt man wirklich in der Provinz, dass nicht jeder einzelne Kreis Berlins solche Erscheinungen aufweist? Sie verteilen sich nur mehr – ihnen stehen dann mehr wertvolle Kräfte gegenüber, und so ist das Gleichgewicht einigermaßen hergestellt. Berlin wird nicht von Engeln bewohnt.

Aber von Teufeln auch nicht.

Was die Hugenberg-Presse, gegen das bessere Wissen der beteiligten Redakteure, auf diesem Gebiet angerichtet hat, geht auf keine Gutsbesitzershaut. Die Leute wissen natürlich ganz genau, dass der Berliner nicht die ganze Nacht in der Bar hockt und sauft und mit einem geschminkten Personal tanzt, das niemand so intensiv beschäftigt wie die Herren der Grünen Woche; die Propagandisten gegen die vitalsten Interessen Berlins sind brave Familienväter, die genau wissen, dass und wieviel in Berlin gearbeitet wird – aber sie sind gezwungen, der erschauernden Provinz ein berliner Luderleben vorzutäuschen, das sie nicht einmal gut an die Wand malen.

Denn, um auf Berlin schelten zu können, muß man es erst einmal richtig kennen. Was an den berliner Reichen, Mittelreichen und Möchtegernreichen komisch ist –: wir wissen es. Und haben uns nie geschämt, es zu sagen. Aber schließlich ist Deutschland keine Schwarz-Weiß-Zeichnung: hier die gute Provinz und dort das böse Berlin, das geht nicht. Daß das Hugengebirge mehr verbockt hat, als ganze Fremdenverkehrs-Zentralen wieder gutmachen können, ist eine Sache, die die Beteiligten unter sich ausmachen mögen – aber der Ruf Berlins ist wirklich falsch. Es hat – wie jeder Menschenkreis – seine Fehler; aber ganz, ganz andere, als die Provinz glaubt. Diese Propaganda gegen Berlin müßte mal ein tüchtiger Berliner in die Hand nehmen ...

Der Mann, der vor dem Kölner Dom schnell und gottesfürchtig sagt: »Ham Se keenen jrößeren –?« kommt nicht nur aus Berlin; dieser Ausspruch entstammt einer Geistesverfassung, und die ist nicht nur in Berlin heimisch. Ich glaube, dass es zu gar nichts führt, die Provinz und Berlin gegeneinander auszuspielen. Denn darin steckt erst einmal die falsche Voraussetzung, die Provinz sei etwas Homogenes, während die niederbayerische Kreisstadt und ein Friesendorf nur das gemein haben, dass sie nicht Berlin sind – und das ist nicht genug, um sie zu einen.

Deutschland besteht aus Vereinen. Gibt es noch keinen »Reichsverband Deutscher Provinzler«? Warte nur, balde ... Lasset uns den Berliner, der faule, weil schlechte Witze über die Provinz macht, die er nicht kennt, mit dem Provinzler, der Berlin nicht kennt, »zu Hagenbeck schicken«, wie die Schweden so schön sagen – und versuchen wir, einander zu verstehen, Berlin und die Provinzler. Was aber den Berliner angeht, wenn er komisch ist und lächerlich und eine Schießbudenfigur –: ich besitze so viel Lokalpatriotismus, dass ich mich über ihn lustig machen will, dass es nur so hagelt. Aus Liebe, du guter Leser aus Bitterfeld.

Der nicht geschundene Berliner wird nicht erzogen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 04.03.1929, Nr. 208.





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