Fedor Vergin, ›Das unbewußte Europa‹


Fedor Vergin ›Das unbewußte Europa‹ (erschienen bei Heß & Co. in Wien). Ach, da gehts aber zu! So klug, und so freudianisch und überhaupt sehr gebildet aus zweiter Hand. Dabei stehen in diesem Essayband sehr vernünftige Bemerkungen über Europa – wenn nur für solche Art Schriftsteller Freud nicht gelebt hätte! Sehr gescheite Sätze über die Engländer: »Sie sind einfach da, ihr So-Sein genügt ihnen restlos. Sie streben gar nicht, anders zu sein. Sie reformieren im kleinen gern und mit Humor, sie doktern an sich immer ein wenig herum, aber sie werden niemals ihre psychischen Ideale aufgeben. Darin sind sie sich einig wie kein andres Volk auf Erden.« Und: »Der englische Humor der Selbstpersiflage, so kennzeichnend für den normalen Engländer, hat in einem so unkritischen Volk wie dem deutschen, das über sich selbst stets falsche Ansichten hegt, trotzdem es sich ständig ein Problem ist, die verheerende Wirkung ausgelöst, dass man die englische Selbstkritik todernst nahm und generalisierte.« Und so noch manches Mal. Was hingegen über die Franzosen da steht, ist milder Wahnwitz. »Der sadistische Nordfranzose im Apachentanz, wobei eine Frau von einem Banditen mit dem Messer zerstochen wird ... « also das ist Cabaret in Duisburg, sicher sehr schön, aber Duisburg. Auch dass der französische Sparsinn nichts als Sadismus sei, höre ich zum ersten Mal. »Der französische Nachkriegsnationalismus ist wesentlich sadistisch. Er ergötzt sich mangels Zahlungen von Reparationen an der Qual des Opfers ... « Ich habe fünf Jahre in Frankreich verbracht, ich fahre fast jedes Jahr dorthin, ich habe mit den Leuten zusammengelebt, und ich darf aus tiefster Erfahrung sagen: dies ist heller Blödsinn und nichts als Stammtischgeschwätz, pseudowissenschaftlich frisiert. Merkwürdig bei einem Mann, der immerhin so viel politische Einsicht hat, dass er erkennt: »Die neuen Nationalstaaten Osteuropas sind seelische Nachfolger der altösterreichischen Politik, an der Deutschland naiv zugrunde ging. Der Franzose ahnt nicht, was eigentlich Mazedonien, was Siebenbürgen bedeutet.« Ah, das ist etwas anders. Die immense Schuld Frankreichs, insbesondere Clemenceaus, an diesem neuen, gefleckten und geflickten Europa – das ja. Aber Sadismus gegenüber Deutschland, das nein.

Über Deutschland vermeldet der Autor gute Sachen. »Antisemitismus würde beispielsweise fortbestehen, wenn es längst keinen Juden mehr in Deutschland gäbe. Seelisch fühlt sich das große Kind immer haßerfüllt gegen einen fiktiven Eindringling und Bedroher seiner Mutter: dem nationalen Gebiet ... Das vom Nationalismus benötigte Haßobjekt sind Juden oder Nachbarvölker, die natürlich immer bedrohen.« Sehr gut diese Bemerkung – hört es, ihr völkischen Beobachter! –: »Jeder, der anno 1914 gut bürgerliche, also gesittete Frauen in allen Kulturländern beobachten konnte, wie sie sich über Nacht in Prostituierte der Begeisterung verwandelten ... « das sollte man sich merken. Sehr gut auf Seite 308 eine fundierte Darlegung dessen, was man auch bei einem Richter und einem Staatsanwalt als ›Seele‹ bezeichnet. »Man straft so gern andere für das, was man sich selbst nicht gönnt.« Das Buch hat Perspektiven, keine großen, viele falsche, aber immerhin.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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