Valeska Gert


Die Ekstasen der vielen jungen Mädchen mit den großen Füßen in Berlin habe ich nie so recht verstanden, und warum alle Hysterikerynnien, die einen Silberring mit grünem Stein auf dem rechten Zeigefinger tragen, nun grade tanzen müssen, war mir von je rätselhaft. Aber was da neulich abend in den weißen Lichtkreis des Scheinwerfers trat, tanzte und mit dem sinkenden Licht erlosch: das war doch etwas andres.

Tanzte sie? Tanzte Valeska Gert? Daß sie es kann, steht außer allem Zweifel. Daß sie viel mehr kann, auch. Sie benutzt die Technik – wie sichs gehört – als reale Unterlage der Phantasie. Nein, sie tanzte nicht nur. Sie schüttete ein Füllhorn voll Menschen vors Parkett: Japaner und Seiltänzer und Jongleure und Zirkusreiterinnen und Ringkämpfer und Kuppelmütter und Spanierinnen und wer weiß wen noch alles. Aber Gott muß ihr jenen Andersenschen Glassplitter ins Auge geweht haben, durch den man die Welt so eigentümlich verzerrt sieht. Sie parodiert. Hermann Hesse schildert einmal in seinem Buche ›Aus Indien‹ eine unbekannte Malayin, die traurig und stumm vom auf der Bühne eines Theaters an der Rampe saß: »Bis die Gebärde irgendeines Mitspielers sie reizte – dann stand sie auf, vom Leben durchflossen, und parodierte diese Gebärde mit dem kleinsten Aufwand an Anstrengung in so hoffnungslos vernichtender Übertreibung, dass die Mitspieler hätten verzweifeln müssen.« Nun, wenn die Gert ›Ballett‹ tanzt, dann ist von der Dell'Era nicht mehr viel übrig – so leer, so gespreizt, so engagiert, so flirrend decouvriert sich eine antiquierte Angelegenheit. Sie entlarvt, was sie tanzt. Und im ›Ballett‹ zertanzte sie – zum großen Ärgernis zweier hinter mir sitzender Geheimen Oberrechnungsratswitwen – Potsdam.

Schon das Kostüm ist von höchstem Reiz: die Kleider fangen in den Farben oben so an, wie sie unten aufhören, und jedes ist bis in die letzte Falte durchgearbeitet – nichts ist Zufall, nichts ist Willkür. Und wenn auch einige Tänze, die ganz auf Leichtigkeit gestellt waren, mir ein wenig zu schwer erschienen – so entschädigte ... : diese Frau tanzt mit dem Gesicht. So sehr sonst immer die Tanzmaske vorzuziehen ist – die klugen Neger! –: dieses Gesicht möchte ich nicht missen. Und nicht das gefährliche Spiel der Zunge ...

Alles, was sie tanzte, war eine gute Mischung von außergewöhnlichem Verstand und sehr guter Technik. Eine Nummer aber fiel völlig aus dem Rahmen.

In den Lichtbogen schlurcht eine Schlampe in Schwarz, der rote Halsbesatz deckt den Kopf ab – einen verluderten, unfrisierten Kopf. Wer ist das? Was ist das für ein Gesicht? Die ›Vorstadtdirne‹ von Toulouse-Lautrec ist eine Gräfin dagegen – gegen diese Nutte. Gleichgültig schieben sich die Schulterblätter hoch – gleichgültig schiebt sich das gemietete Stück Fleisch aus der Auslage durch die Straße. Und wird von einem Kerl ergriffen – und produziert das Frechste, was wohl je auf einer Bühne gemacht worden ist. Die Beine öffnen und schließen sich. Und Gleichgültigkeit, Krampf – dennoch Krampf! – und Geldgier schütteln den ausgeschaukelten Körper: eine Lues und die Heilsarmee kämpfen mit gleicher Inbrunst um diese arme Seele. Wer sich je bei den ›berüchtigten berliner Nackttänzen‹ nach dem Laster gesehnt hat: hier ist es. Und noch nie habe ich so verstanden, wie Lust und Qual auf demselben Loch gepfiffen werden. Und dann haucht sie die letzte Lust aus, spuckt aus, ohne es zu tun – und versinkt.

Diese ›Canaille‹ ist eine wahrhaft geniale Leistung. Das ›ausverkaufte Haus jubelte der Heldin begeistert zu‹, nahm für Spaß, was bitterste Komik war und merkte zum Glück kaum, dass noch die Ritte des kopierten Zirkusreiters den letzten Krämpfen einer erlösungsgierigen Nackten glichen.

Eine dolle Nummer, eine hervorragende Tänzerin, eine außerordentliche Frau.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 17.02.1921, Nr. 7, S. 204.





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