Die Tscherkessen


Das war früher im Zoologischen Garten so:

Da kamen zweimal im Jahr oder auch öfter wilde Völkerschaften zu Besuch und zeigten, wie es bei ihnen zu Hause zuginge. Und wenn wir nachmittags schulfrei hatten, dann kratzten wir die fünfzig Pfennig Eintrittsgeld zusammen und begaben uns zu den wilden Völkerschaften, zu den Tscherkessen im Zoologischen Garten.

Da, wo jetzt der große Kino der Ufa steht, jagten auf einem freien Feld, von Zuschauern umsäumt, die wilden Völker auf ihren Mustangs einher. Aus friedlichen Hütten stieg romantischer Rauch gen Himmel, schmutzige, aber furchtbar interessante Tscherkessenfrauen verkauften Ansichtspostkarten und benahmen sich auch sonst recht tscherkessisch, die wilden Reiter schossen entsetzlich viele Platzpatronen in die Luft: kurz, es ging ganz so zu, wie sich Karl May aus Radebeul den Kaukasus vorstellt. Und wir waren beseligt und konnten gar nicht genug bekommen.

Wie wäre es, wenn wir das erneuerten? Wie wäre es, wir machten einmal für fünfzig Pfennig Eintrittsgeld – eine kleine Ausstellung auf: die europäischen Militärs? (Nicht etwa nur: die deutschen – das wäre ungerecht und nicht vollständig.) Vielleicht so:

Auf dem von Zuschauern umsäumten Felde marschiert eine Kompanie bunt angezogener Männer im Parademarsch – klipp – klapp – klipp – klapp –. Und vor der Front paradieren noch buntere Männer, die krähen und machen einen Höllenspektakel und beschimpfen die Kompanie maßlos: das sind die Offiziere. Aus kleinen Kasinohütten steigt friedlicher Rauch zum Himmel, in den Hütten trinken die Chargen Sekt, von dem eine Flasche so viel kostet, wie ihre Monatslöhnung beträgt. Im Hintergrunde sieht man einige kleine Requisitionen – auch ist eine Etappenstadt aufgebaut, in der es von angeschlagenen Verordnungen und Bestimmungen und andern Quälereien wimmelt. Irgendwo in Erdlöchern kampieren »Kerls«.

Ach, es gibt so viel zu sehen – wohin man sieht, da ist etwas Neues. Sieh mal, und da: ein schreibender Heimkrieger – der hat eine Papageienuniform an und schreit immer: Krieg! Krieg! – Sieh mal, und da: ein Offizier mit vielen Kisten, was mag da wohl drin sein? – Sieh mal, und da! Und da! –

Aber ich sehe schon: wenn die Ausstellung zustande kommt, dann gehen alle gebildeten Europäer hin und sagen: »Aber ich bitte Sie! Das gibt es ja gar nicht! So etwas gibt es doch höchstens im Kaukasus. Bei den Tscherkessen!« –

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Volkszeitung, 15.02.1920.





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