Der T.-I.


Das ist eine Menschengattung, die in Deutschland wild vorkommt: der Tatsachen-Idiot.

Der Tatsachen-Idiot ist ein Mensch, dems immer nur auf das Wie ankommt, nicht auf das Warum. Selbiger hat sein ganzes Leben lang furchtbar zu tun, um bei allen Manipulationen, technischen Vorrichtungen, Organisationen und Einrichtungen aller Art zu wissen, »wie es gemacht wird«. Das wäre ja an sich ganz löblich; aber der Tatsachen-Idiot fängt das Ding immer von hinten an: bei den Fachausdrücken der letzten Jahre, ohne vom Grundprinzip der Dinge eine bescheidene Ahnung zu haben. Du hörst den T.-I. auf allen Eisenbahnfahrten, an allen Stammtischen, in allen Zigarrenläden begeistert streiten. Denn der T.-I. weiß nicht nur alles: er weiß es auch besser. Der T.-I. ist immer rechthaberisch. Er beweist alles. Wenn er ohne Kopf hinter einer entgleisten Lokomotive liegt, beweist der stattliche Rest des T.-I., dass die Lokomotive gar nicht entgleisen konnte. »Sie wem mir doch nicht erzählen ... «

Eine ganz besondere Wonne des T.-I. sind Verfügungen. Er kennt alle Reglements aller Behörden und liebt sie zärtlich. »Die Bestimmung lautet aber nun einmal so ... «, sagt er dreimal hintereinander. Er weiß Bescheid mit der Stufenleiter und den Rangverhältnissen aller Beamten, und all das hat für ihn die Gültigkeit von Naturgesetzen. »Was? Ihr Schwager ist Oberleutnant geworden?« sagt der T.-I. »Kann er ja gar nicht! Denn ... « – und nun hebt er an.

Er ist erst beruhigt, wenn er weiß, dass alles nach der Regel gegangen ist. Der T.-I. ist begeisterter Rationalist. »Was? Christus hat Wasser in Wem verwandelt? Kann er ja gahnich! Das wär ja auch noch schöner, wenn da jeder ohne behördlichen Wunderschein –! Nein, mein Lieber!«

Sport begünstigt die Anlage zum T.-I. Gaffen und sich nur an das rein Tatsächliche halten: das ist die Freude des T.-I. Er wacht eifersüchtig über die Natur, dass nichts geschieht, was er nicht – genau nach den geltenden Bestimmungen – verstanden und somit auf den vorliegenden Fall angewandt hat. Gewitter, der Regenbogen, das Finish, die Beförderung, das Haltesignal auf der Eisenbahn, Uniformen, Postmarken, Steuervorschriften, die Polizeistunde – wie ungeheuer wichtig ist das alles! Er kennt nur eins: den Apparat. Kurz: ein idealer deutscher Untertan.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 25.08.1921, Nr. 34, S. 208.





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