Die patriotische Synagoge


Am Montag wird zu Berlin eine neue Synagoge im Beisein eines Kaiservertreters eingeweiht werden. Die Kuppel ist mit Cadiner Kacheln aus der Fabrik Wilhelms II. geschmückt.

Der Weg von Galizien bis zur Fasanenstraße – da steht das neue Bethaus – ist weit. Es hat lange gedauert, dass er zurückgelegt wurde – über hundert Jahre. Aber die alte Ausnahmestellung der Juden zu beseitigen, das ist dieser zähen Rasse bis heute nicht ganz gelungen. Die Offiziere nehmen sie nicht und die hohen Staatsbeamten nicht. Das mit den Offizieren läßt sich verschmerzen. Außerdem ist der Jude intelligent und ... überhaupt für den Offizierstand ungeeignet. Anders die Sperrung der Beamtenkarriere. Was da momentan an leitenden Stellen sitzt, sieht man: man haut Abrahams Söhne links aufs Ohr, man haut sie rechts aufs Ohr – und die Unfähigkeit einer Kaste wird, wie die gesamte auswärtige Politik, erst dann Sache der Nation, wenn man die Knochen der Soldaten braucht.

Der Jude ist noch heute von vielem ausgeschlossen; er wird »regierungsseitlicherseits« nicht allzu freundlich angesehen. Wie alles, was die Regierung Preußens tut, ist das dumm und unpraktisch. Denn wie konservativ der Jude ist, zeigt sich in der Fasanenstraße.

Hier kommen die sonst Geprügelten, Verachteten zusammen (die nur liberal sind, weil man sie nicht für voll nimmt ... ), hier kacheln sie mit kaiserlichen Ziegeln, hier steht unter ihnen ein hoher Offizier ... Fühlen sie nicht, wie sie sich verspotten? – Was denkt sich der Kaiservertreter unter Leuten, die er nie in seinen Kreis wählen würde? – Jüdische Rekruten werden schikaniert – es ist würdelos.

Die Staatsbürgerin wird pöbeln, dass Wilhelm II. jemand in seinem Namen gesandt hat, der diensttuende Rabbiner wird von neuem die »unverbrüchliche Treue zum Kaiserhaus« bezeugen, und der hohe Offizier muß, muß, muß niedrig von Menschen denken, die sich selbst erniedrigen. Früher ...

In Prag steht heute noch, unter Mietshäusern, die »Judenschule«, eine uralte Synagoge, halb unter der Erde. Da saßen sie, alte und junge, und beteten verängstigt, wenn draußen scharfe Pfiffe gellten und die Steine gegen die Fenster prasselten. Hepp! Hepp! – Und rückten noch enger zusammen und beteten lauter ...

Das Auge ihrer neugetauften Nachkommen aber sieht glänzend, gleißend, hoch oben an der Kuppel: – Cadiner Kacheln.

 

tu.

Vorwärts, 25.08.1912, Nr. 198, S. 1.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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